Nietzsche ist tot

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Auroville & das Naturrecht, Teil 2/4

In Teil 1 der Artikelserie, „Von stinkenden Lilien und üppig belebten Seen“, beschrieb ich einige Kernprinzipien des Naturrechts, unter anderem Ethik, objektive Moralität und Freiheit.

Unter Naturrecht, wie das Wort auf meinem Blog verwendet wird, verstehe ich Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung in zwischenmenschlichen Angelegenheiten. Das Naturrechtsprinzip ist Teil der menschlichen Natur. Es geht vom frei geborenen Individuum aus, das mit Verstand und Gewissen ausgestattet ist. Aufgrund korrekter Beobachtung dessen, was ist (Wahrheit), kann ein Mensch eine ethische Beurteilung seiner Lage vornehmen und so zu einer moralisch richtigen Handlungsweise finden, sofern die Prozedur nicht durch Eigensucht oder äußere Einflüsse beeinträchtigt wird. Das kollektive Be- oder Missachten des Naturrechts bestimmt Erfolg oder Misserfolg menschlicher Gemeinschaften aller Art. Gesellschaften, die Wahrhaftigkeit wertschätzen, neigen zur Verwirklichung von Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden und Zufriedenheit. Gesellschaften, deren Angelegenheiten von der Eigensucht privilegierter Schichten oder auch jener der gewöhnlichen Bevölkerung bestimmt werden, geraten zunehmend in Schwierigkeiten aller Art und müssen dem nur aufschiebbaren aber nicht verhinderbaren Zusammenbruch ihrer Ordnung mit immer härteren Maßnahmen begegnen. Das Naturrecht ist überall und zu allen Zeiten wirksam, und seine Folgen unausweichlich.

Das Schöne am Naturrecht ist, dass man sein Wirken gänzlich in mechanistischen Begriffen erklären und verstehen kann, obwohl ein Großteil davon in immateriellen ethischen Abwägungen des menschlichen Geistes besteht. Der mechanistische Materialismus kann jedoch den Urgrund des Naturrechts genauso wenig erklären wie das Leben oder das Bewusstsein. Die Vorstellung, dass die Welt bzw. die Natur lediglich aus Materie und Energie besteht und dem Leben, das als ein Zufallsprodukt angesehen wird, gleichgültig oder gar feindlich gegenüber steht, ergibt keinen Sinn. Sieht man genauer hin, entdeckt man Anzeichen eines ordnenden Prinzips, einer schöpferischen Kraft, die lebensfreundlich gesinnt ist. Hierin sind sich alle Kulturen – außer der westlichen Industriezivilisation – einig, und sie nannten dieses lebensfreundliche Prinzip u.a. „Spirit“, „Universelles Bewusstsein“, „der Eine Urgrund“, „Schöpfer“ und „Gott“.

Man kann also das Naturrecht, das die Folgen der von Lebewesen frei getroffenen Entscheidungen regelt, und auch die Naturgesetze, die das Verhalten von Materie ohne eigenen Willen beschreiben, als gottgegebene Regelwerke betrachten, deren Beachtung viel dazu beiträgt, unser Leben in günstigen Bahnen zu halten.

Wer bewusst oder unwissentlich das Naturrecht missachtet, wird sein Karma genau so schnell ruinieren, wie das Missachten von Schwerkraft seine Knochen.

Im ersten Teil der Artikelserie habe ich die internationale Siedlung Auroville als ein Paradebeispiel für das kollektive Leid angeführt, das entsteht, wenn man das Naturrecht missachtet. Ein beachtlicher Teil der Einwohner versteht die Leitgedanken von Mirra Alfassa, Aurovilles Gründermutter, absichtlich oder unabsichtlich falsch, ist sich deren Implikationen nicht bewusst oder kümmert sich von vorn herein nicht um sie. Zu diesen Leuten zählen nicht zuletzt auch jene, die ihre Lehren wörtlich, rigide oder quasi-religiös auslegen.

Um Leserinnen und Leser, die wenig bis nichts von Auroville und seiner Philosophie gehört haben, in die Materie einzuführen – mit besonderem Hinblick auf das Naturrecht –, ist der vorliegende zweite Artikel entstanden. Er soll Euch außerdem ermöglichen, die im nächsten, dem dritten Artikel beschriebene, seit Dezember 2021 stattfindende feindliche Übernahme Aurovilles durch externe Kräfte vor dem Hintergrund des eigentlich Gewollten beurteilen zu können. Ein vierter Artikel betrachtet abschließend das größere Bild; er behandelt die globale Bedeutung der Übernahme und beschäftigt sich mit der viel älteren und umfassenderen Dynamik, in die diese eingebettet ist.

Bevor wir nun in Aurovilles Gründungsgeschichte und sein utopisches Rahmenwerk eintauchen, möchte ich darauf hinweisen, dass mich Fragen der Freiheit des Individuums, gerechter Gesellschaft, des Bewusstseins, des Verhältnisses von Individuum und Gruppe, der Menschenwürde, der Einheit von Wissen, Denken, Reden und Handeln, des Verhältnisses von Wahrnehmung, Wahrheit und Wirklichkeit oder der Zukunft der Menschheit bereits seit Jahrzehnten umtreiben und mich letztlich nach Auroville führten. Dass ich dessen Gründungsprinzipien bewusst befürworte, darf als gegeben angenommen werden. Da ich schon länger dort wohne, kann ich bei meinen Beschreibungen von eigenen Beobachtungen und Erfahrungen ausgehen. Ich kann außerdem auf Augenzeugenberichte, interne Kommunikation und den gesamten Kanon spiritueller Schriften zugreifen, die Bezug auf den Ort nehmen. Obwohl es sich eigentlich von selbst verstehen sollte, dass jede Kommunikation vom ganz besonderen Blickwinkel und von der Einsichtstiefe des Mitteilenden gefärbt ist, weise ich hiermit ausdrücklich darauf hin, dass ich in keiner Weise für das „offizielle“ Auroville spreche, weder für sein übergriffiges Establishment, noch – zu meinem großen Bedauern – für die Mehrheit seiner Einwohner. Es sei jedoch bemerkt, dass eine beachtliche Minderheit ihr Bestes gibt, aus ihrem tiefsten Verständnis der Lehren Sri Aurobindos und Mirra Alfassas (die wir hier Mutter nennen) zu leben. Es wird an diesen guten Seelen liegen, die steigende Flut asurischer Kräfte zurückzudrängen

Alle folgenden Zitate, soweit nicht anders ausgewiesen, von Mirra Alfassa.

Ein Traum

„Irgendwo auf der Erde sollte es einen Ort geben, den keine Nation als ihr alleiniges Eigentum beanspruchen kann. Einen Ort, in dem alle Menschen mit gutem Willen und aufrichtigem Streben frei als Weltbürger leben können und nur einer einzigen Autorität gehorchen: der höchsten Wahrheit. Ein Ort des Friedens, der Eintracht und der Harmonie, an dem jegliche kämpferischen Instinkte im Menschen ausschließlich dazu benutzt werden, die Ursachen seines Leidens und Elends zu bezwingen, seine Schwäche und Ignoranz zu überwinden und über seine Begrenzungen und Unfähigkeiten triumphierend hinauszuwachsen. Ein Ort, an dem die Bedürfnisse des Geistes und die Pflege des Fortschritts Vorrang haben vor der bloßen Befriedigung von Wünschen und Leidenschaften, vor der ausschließlichen Suche nach Vergnügungen und materiellen Annehmlichkeiten. An diesem Ort könnten sich Kinder in umfassender Weise entfalten und aufwachsen, ohne den Kontakt mit ihrer Seele zu verlieren. Erziehung wäre nicht dazu da, Prüfungen zu bestehen, Zeugnisse zu bekommen und Posten zu bekleiden, vielmehr würde sie vorhandene Fähigkeiten fördern und neue hervorlocken. An diesem Ort würden Titel und Rang ersetzt durch Gelegenheiten zum Dienen und Organisieren. Den Bedürfnissen des Körpers würde für alle und jeden in gleichem Maße Rechnung getragen. In der allgemeinen Organisation würde sich intellektuelle, moralische und spirituelle Überlegenheit nicht durch die Maximierung von Vergnügungen und Macht im Leben ausdrücken, sondern durch einen Zuwachs von Pflichten und Verantwortlichkeiten. Künstlerische Schönheit in jeder Form, ob Malerei, Bildhauerei, Musik oder Literatur, würde allen gleichermaßen zugänglich sein. Gelegenheiten, die Freuden zu erfahren, die die Kunst mit sich bringt, könnten einzig und allein durch die Fähigkeiten des Einzelnen Beschränkung erfahren, nicht jedoch durch seine soziale oder materielle Position. Denn an diesem Ort wäre Geld nicht länger der höchste Herrscher. Individuelles Verdienst würde größere Gewichtung haben als der Wert, der sich auf materiellen Reichtum und soziale Position gründet. Arbeit wäre nicht länger ein Mittel, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wäre ein Mittel, durch das sich jeder ausdrückt und seine Kapazitäten und Fähigkeiten entwickelt, während er zugleich dem Wohl der ganzen Gruppe dient, die ihrerseits für seinen Lebensunterhalt und seinen Arbeitsbereich aufkommt. Kurz gesagt, es wäre der Ort, an dem Beziehungen zwischen den Menschen, die normalerweise fast ausschließlich auf Wettbewerb und Kampf gegründet sind, abgelöst würden durch Beziehungen des Nacheiferns, etwas immer besser zu machen … Es wären Beziehungen der Zusammenarbeit und der Brüderlichkeit. …” (1954)

Galaxis

Die Geschichte von Aurovilles Gründungsidee reicht bis in die 1920er Jahre zurück, aber in keinem Text ist diese präziser und eindrücklicher formuliert worden als in Mutters „Traum“. Wir werden dessen Kernpunkte später näher betrachten, weil er zu den wichtigsten Dokumente der tatsächlichen Auroville-Siedlung gehört. Deren Gründung fand am 28. Februar 1968 in einer staubigen Ödnis statt, mitten im südindischen Nichts. Staubstürme und eine erbarmungslos brennende Sonne charakterisierten den Ort während der Trockenperiode, sintflutartige Wolkenbrüche erodierten dagegen während des Monsuns das bisschen Erdkrume, das die koloniale Waldausbeutung übrig gelassen hatte. Die Pioniere begriffen schnell, dass ihr Bleiben davon abhing, auch das Wasser zum Bleiben zu bewegen, denn ohne Wasser würde es keine Nahrung geben und keine Kühlung der unerträglichen Hitze. Also riegelten sie die tief eingefressenen Erosionsrinnen mit Dämmen ab, gruben Rückhaltebecken und konturierten das Land, damit möglichst viel des kostbaren Regens ins Grundwasser sickerte, von wo es in der Trockenzeit entnommen werden konnte. Auch mussten sie die Landflächen, die die Mutter von Geldern des Sri-Aurobindo-Aschrams gekauft hatte, einzäunen, denn streunendes Vieh aus den umliegenden Tamilendörfern hätte sonst jeden der Millionen von Baumsetzlingen aufgefressen, die heute einen prächtigen Wald bilden. Lange Zeit gab es keine festen Gebäude und noch viel länger keine befestigten Straßen. In ihren Träumen jedoch sahen die ersten Siedler die zukünftige Stadt mit ihren 50.000 Einwohnern, die Mutters Architekt, der Franzose Roger Anger, entworfen hatte: eine kreisförmige Anlage, deren Grundriss an eine Galaxie erinnert, mit riesigen, bis zu sechzig Meter hohen kilometerlangen Bauten, die sich vom Matrimandir, dem spirituellen Zentrum, nach außen bis in die Peripherie schrauben, wo ein Grüngürtel aus Wäldern, Parks und Bauernhöfen die eigentliche Siedlung umgibt. Roger Anger, der seinen Landsmann LeCorbusier gern überflügelt hätte, entwarf sein Auroville ohne Rücksicht auf örtliche Gegebenheiten wie etwa bestehende Bebauung, Geländekonturen oder die örtliche Kultur. Für Mutter hatte der Plan ein Ideal zu verkörpern, dessen Umsetzung in die Wirklichkeit neuere Erkenntnisse zu berücksichtigen hatte, sobald diese verfügbar waren – ein Grundthema, das sich durch alle ihre Erörterungen zieht. Wir werden später sehen, inwiefern das für das Leben in Auroville und gerade auch im Zusammenhang mit der feindlichen Übernahme eine Rolle spielt. Die für die Siedlung konstituierende Vier-Punkte-Charta, die die Mutter am Gründungstag verlas, erwähnt jedenfalls keine der physischen Eigenschaften des Ortes.

Das Auroville-Modell. Foto: Autor

Charta

  1. Auroville gehört niemandem im Besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen.
  2. Auroville wird der Ort einer nie endenden Erziehung sein, eines immer währenden Fortschritts und einer Jugend, die niemals altert.
  3. Auroville möchte die Brücke sein zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Indem es sich alle äußeren wie inneren Entdeckungen zunutze macht, wird Auroville zukünftigen Realisationen kühn entgegeneilen.
  4. Auroville wird der Ort materieller und spiritueller Forschung sein, für eine lebendige Verkörperung einer wahren menschlichen Einheit.

Während der „Traum“, der an die Hoffnungen und Wünsche der Unzufriedenen dieser Welt anknüpft, all jene einlädt, „die nach Fortschritt dürsten und sich nach einem höheren, wahreren Leben sehnen“, dient Aurovilles Charta als Rahmenbeschreibung dessen, was seine Bewohner zu leisten versuchen. Menschen, die den Blickwinkel des materialistischen Weltbilds einnehmen, mögen die hierin präsentierten Ziele als hochtrabend und schwer fassbar betrachten. Die meisten dieser Beobachter übersehen dabei die Präzision, mit der die Mutter ihre Worte gewählt hat, und meistens sind sie von jeglicher Kenntnis der Existenz einer höheren Wahrheit unbeleckt oder sind sich des Wirkens unsichtbarer, immaterieller, unmessbarer Aspekte des Universums nicht bewusst. Trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten mit Hippie-Folklore reden wir hier nicht über haltlose New-Age-Schmuseweisheiten und schon gar nicht über religiösen Glauben. Der Integrale Yoga, wie Sri Aurobindo seine spirituelle Philosophie genannt hat, ist einer Wissenschaft vergleichbar, weil er durch das persönliche Ausführen des Experiments, das er beschreibt, verifiziert werden kann.

Schauen wir uns die vier Punkte der Charta näher an, damit Du Dir ein besseres Bild von Aurovilles Zielen machen kannst. Seit einhundert Jahren sieht die rechtliche Wirklichkeit der Welt ungefähr so aus wie auf den Karten, die man uns in den Fernsehnachrichten zeigt: keine Fluchtmöglichkeit. Die Erdoberfläche ist in große Stücke aufgeteilt und mit Zäunen überzogen worden, Armeen patrouillieren die Grenzen, Polizisten kontrollieren die Einhaltung von Gesetzen in Stadt und Land. Jeder Ort gehört irgendeinem Land, manche Gegenden werden sogar von mehreren Staaten beansprucht. Auch alle Menschen – jeder einzelne von uns – wird von irgendeinem Regime beansprucht, das die Regeln aufstellt, denen wir uns unterwerfen sollen. Wenn jedoch unser ethisches Denken von menschengemachten Regeln behindert, beeinträchtigt oder gar ausgeschaltet wird, hat das moralische Implikationen, wie wir bereits festgestellt haben. Das Leben gedeiht am besten in anarchischen Umgebungen und tendiert daher zur Herstellung der geeigneten Umstände. Darum beginnt Mutters „Traum“ mit den Worten: „Irgendwo auf der Erde sollte es einen Ort geben, den keine Nation als ihr alleiniges Eigentum beanspruchen kann. Einen Ort, in dem alle Menschen mit gutem Willen und aufrichtigem Streben frei als Weltbürger leben können und nur einer einzigen Autorität gehorchen: der höchsten Wahrheit.” Auch Auroville selbst beansprucht keine staatliche Hoheit. Seine Aufgabe besteht lediglich darin, der Ort zu sein, wo die höchste Wahrheit, das universelle, ultimative, perfekte, göttliche Bewusstsein – gern und kurz auch als Gott bezeichnet – sich manifestiert. Aus diesem Grund besagt der erste Artikel der Charta, dass Auroville niemandem gehört, den man benennen könnte – was aber nicht heißt, dass jeder eigennützige oder schädliche Unfug willkommen ist, der sich durch die unregulierte Situation eingeladen fühlt. In Auroville gilt:

„Freiheit bedeutet nicht, dass man seinen Lüsten und Neigungen folgt, sondern im Gegenteil, dass man von diesen befreit ist.“

Mirra Alfassa

Die äußere Freiheit von menschengemachten Einschränkungen wie Eigentum, Geld, Gesetzen, Normen, Traditionen, Ideologien, Religionen oder festen Moralcodices unterstützt das Streben nach innerer Freiheit – Freiheit, auf seine Intuition, sein Gewissen und das höchste Bewusstsein zu hören. Äußere Freiheit bietet außerdem den Raum für die Verwirklichung dessen, was die innere Stimme uns in einer nie endenden Erziehung, von der Geburt bis zum Tod, lehren kann, also die Übersetzung unserer Erkenntnisse in gelebte Praxis. Wer bereit [ist], dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen“, begibt sich dabei nicht in die Sklaverei, sondern erfährt durch sein Bemühen fortschreitende Befreiung von äußeren und inneren Abhängigkeiten. Je mehr Menschen sich auf diesen Pfad begeben, desto stärker kommen die unser Sozialwesen begünstigenden Tendenzen zum Tragen, die für Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Zufriedenheit sorgen.

Falls Du Dich einmal mit der Lehre des Buddha beschäftigt hast, und sei es nur oberflächlich, wird Dir bekannt sein, dass unsere Gelüste und Abneigungen der Nährboden sind, auf dem menschliches Leid gedeiht, und dass unser Unwissen bezüglich dieser Gesetzmäßigkeit es endlos ausdehnen. Auroville soll daher ein Ort sein, „ die Bedürfnisse des Geistes und die Pflege des Fortschritts Vorrang haben vor der bloßen Befriedigung von Wünschen und Leidenschaften, vor der ausschließlichen Suche nach Vergnügungen und materiellen Annehmlichkeiten“, um „die Ursachen seines Leidens und Elends zu bezwingen, seine Schwäche und Ignoranz zu überwinden und über seine Begrenzungen und Unfähigkeiten triumphierend hinauszuwachsen.“

Man sollte jedoch die Vergangenheit nicht gänzlich abschreiben. Ein Aurovilianer zu sein bedeutet nicht, dass man ein generischer Mensch geworden ist, der keinerlei Herkunft, Religion, Moral usw. kennt, sondern dass man bewusst aus all dem praktische Lehren zieht, was im Einklang mit Wahrheit und Wirklichkeit steht.

„Hören ist gut, aber nicht ausreichend. Du musst verstehen. Verstehen ist besser, aber noch immer nicht ausreichend. Du musst handeln.”

Mirra Alfassa

„Wenn Du weißt, aber nicht handelst, hast Du nicht verstanden“, sagt eine altchinesische Weisheit.

Wenn man den Prozess des Sammelns von „äußeren wie inneren Entdeckungen“ (beobachten, wissen) sowie der Bewertung (ethisches Denken, Verstehen, moralische Schlussfolgerung) nach bestem Wissen und Gewissen durchläuft, bestehen gute Chancen, dass die daraus resultierenden Handlungen einem „höheren und wahreren Leben” dienlich sind. Wenn künstliche Begrenzungen wegfallen, ähnelt unser Dasein nicht mehr der maschinenhaften Existenz der Welt, wie wir sie kennen, die lediglich ihre Programme abspult, sondern wird zur lebendigen, sich stets verändernden Verwirklichung der höchsten Wahrheit übergehen – ausgerichtet an der „objektiven“ Wirklichkeit, wenn man es in wissenschaftlicher Sprache ausdrücken will, nur dass diese Wirklichkeit unermesslich größer ist, als die Lehrbücher behaupten; oder falls man spirituelle Ausdrucksweise bevorzugt, könnte man sagen, man setzt Gottes Willen um. Beide Perspektiven sind für das volle Verständnis dessen vonnöten, was in Auroville unternommen wird. Daher der Name „Integraler Yoga“. Die Charta deutet durch die Abwesenheit von materiellen Bezugspunkten an, dass Auroville nicht in erster Linie eine Stätte der Architektur ist, sondern ein Sammelort für die Integration von Spirit, Geist und Materie. Diese Integration geschieht in den Menschen und durch die Menschen in all ihrer Verschiedenheit und Vielfalt.

Obwohl Menschen guten Willens aus aller Welt und jeder sozialen Schicht eingeladen sind, nach Auroville zu kommen, besteht das Ziel nicht in einer bloßen Ansammlung gleichgemachter Individuen; das wäre absurd. Es geht darum, eine „Einheit in Vielfalt“ herzustellen, in der die unendlich vielen Formen menschlichen Ausdrucks willkommen geheißen und zum Positiven genutzt werden, und wo „jeder Einzelne für die Gesamtheit unverzichtbar“ ist.

Sehr viel mehr könnte noch über die Bedeutung der Charta gesagt werden. Man könnte andere Aspekte betonen oder weitere Implikationen herausarbeiten. Zum Zwecke einer [hüstel] kurzen Einführung im Lichte des Naturrechts sollte es für den Moment genügen. Schauen wir uns ein paar weitere Säulen des „göttlichen Lebens“ in Auroville an.

Voraussetzungen für ein Leben in Auroville

Die Voraussetzungen, um in Auroville leben zu können, wurden bereits genannt. Die Mutter wiederholte sie in verschiedenen Formulierungen immer wieder: „bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen,” sagt die Charta. „Guten Willens zu sein“, besagt ein anderes Zitat, und zur greifbaren Verwirklichung dieser Einheit [der Menschheit] zusammenzuarbeiten“, besagt ein weiteres. Manches von dem, was Du hier gelesen hast, klingt ziemlich Science-Fiction-mäßig, oder? Unerreichbar utopisch, hoffnungslos verrückt, wenn Du mich gefragt hättest, als ich ein Teenager war. Damals glaubte ich noch, dass die menschliche Natur selbstsüchtig, gewalttätig und kurzsichtig sei. Ich habe inzwischen gelernt, dass ich nicht viel weiter daneben gelegen haben könnte. Es ist unsere Kultur, nicht unsere Natur, die uns selbstsüchtig, gewalttätig und kurzsichtig macht. Da ich jedoch von den Bedingungen, in denen und unter denen ich lebte, völlig genug hatte, suchte ich nach Wegen aus dem allumfassenden Sumpf des Elends heraus. Diese Suche leitete mich auf einen verschlungenen Pfad, der schließlich nach Auroville führte.

Nicht wenige Menschen, denen ich von diesem besonderen Ort erzählt habe, erwiderten sofort, dass sie mich für „ziemlich mutig“ hielten, der westlichen Kultur den Rücken zu kehren und meine Sozialversicherungen, die dauerüberwachte Ordnung und die generelle Vorhersagbarkeit der meisten Abläufe aufzugeben. Doch meine Entscheidung war alles andere als mutig. Ich hatte ganz einfach genug von einem Dasein, das jede Kreativität erstickte; ich fand diese Dinge zunehmend inakzeptabel und schließlich völlig unerträglich. Ein Weitermachen war mir unmöglich. Diese Leute sagten außerdem, dass sie solch einen Schritt nicht unternehmen könnten. Ihre begeisterte Faszination zeigte jedoch nur zu deutlich, dass etwas in ihnen mich verstanden hatte und dazu fähig wäre, weil es nach Freiheit verlangte. Nicht ich brauchte Mut, sondern Sie waren es, denn Mut ist der Wille zum Handeln trotz der Angst vor Verlusten. Ich hatte nichts zu verlieren, sondern freute mich auf einen Neuanfang. Ein erfrischend knackiges Zitat aus dem Neuen Testament bringt die Einstellung auf den Punkt, die jemand mit einem aufrichtigen Hunger nach einem anderen Dasein hegen mag:

“Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und die Mutter und die Frau und die Kinder und die Brüder und die Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein;” (Lukas 14:26, Elberfelder Übersetzung)

Dasselbe spiegelt sich in Mutters Worten: „Denn jene, die mit der Welt, so wie sie ist, zufrieden sind, hat Auroville offensichtlich keine Existenzberechtigung.“ Auch das Gegenteil trifft zu. Sie sagt: „Jene, die [mit Auroville] unzufrieden sind, sollten in die Welt zurückkehren, wo sie tun und lassen können, was sie wollen,“ denn „man kommt nicht der Bequemlichkeit und der Befriedigung von Gelüsten wegen nach Auroville, sondern für die Mehrung des Bewusstseins und der Weihe der Wahrheit wegen, die erkannt und verwirklicht werden soll.“ Und so verengt sich die Frage, ob man seinem alten Leben den Rücken kehren soll oder nicht, auf Folgendes:

Wie sehr schmerzt es, sich das großartige Dasein zu verweigern, dessen Möglichkeit wir spüren?

Nur wenn man gewillt ist, seine beschützte Existenz individualistischer Konsumentscheidungen zu verlieren, für die man mit dem Verkauf seines Gewissens und seiner Lebenszeit bezahlt, kann man etwas unermesslich Erfüllenderes gewinnen. Dieses Etwas könnte Dich in Auroville erwarten oder bei irgendeiner anderen Gruppe von Menschen, die das Naturrecht achten, wie auch immer sie es im Einzelnen gestalten oder nennen.

„Ist Auroville die einzige Lösung für die menschliche Misere und die gesellschaftliche Zerrüttung?“, fragte jemand die Mutter. Sie antwortete:

“Nicht die einzige Lösung. Es ist ein Transformationszentrum, ein kleiner Kern, der aus Menschen besteht, die sich wandeln und der Welt ein Beispiel geben. Dies hofft Auroville zu sein. Solange es Egoismus und bösen Willen in der Welt gibt, ist eine allgemeine Transformation unmöglich.”

Mirra Alfassa, Aurovilles Mutter

Yoga

Wo so viel von Yoga, Spirit und dem Göttlichen die Rede ist, fragen mich manche: „Du meditierst bestimmt regelmäßig. Was praktizierst Du?” Dann muss ich innerlich kichern. Ich bin kein Held des Meditierens, musst Du wissen. Keines der verschiedenen Rituale, die man Meditation nennt, funktioniert bei mir so recht, und mit diesen Verrenkungen, an die man beim Wort ‚Yoga‘ denken mag, kannst Du mich jagen. Liegt vermutlich an meiner Einstellung. Ich kontempliere oder inquiriere jedoch recht häufig. Adyashanti, einer meiner spirituellen Lehrer, nennt diese drei Methoden in seinem Pamphlet „The Way of Liberation“ die „Kernpraktiken“ des „Erkundens und Erkennens zeitloser Wahrheit.“ „Wahrheit ist buchstäblich das einzige, was tatsächlich existiert,“ sagt er und nennt spirituelle Praxis „angewandte Unvernunft“, die, aufrichtig und beharrlich ausgeübt – fast schon trotz unserer Bemühungen – zur Erkenntnis der Wahrheit führt. Je nach verfolgter Tradition – indisch-religiös oder unreligiös-spirituell – ist entweder Meditation eine Art Yoga oder Yoga eine Art von Meditation. Falls das Verwirrung auslöst, empfehle ich Sri Aurobindos Definition, die den gordischen Knoten folgendermaßen zerschlägt:

Leben ist Yoga.

Wobei Yoga die Suche nach der Vereinigung mit dem Göttlichen, der höchsten Wahrheit, dem universellen Bewusstsein (oder wie auch immer man es nennen möchte) ist. Das Wort Leben kann auf zweierlei Weisen aufgefasst werden, und beide sind richtig: Alles, was wir im Durchleben unseres Daseins unternehmen, ist eine Suche nach der Vereinigung mit Gott; ebenso ist jede Lebensform ein Ausdruck des Bestrebens nach Vereinigung mit dem Göttlichen. Leben ist Yoga, Yoga ist Leben.

„Unsere Forschungen werden nicht durch mystische Hilfsmittel bewerkstelligt, sondern wir finden das Göttliche im Leben als solchem. Und nur durch diese Erkenntnis kann das Leben wirklich transformiert werden“, verkündete die Mutter. Auroville ist gegründet worden, um den Yoga im Sinne Aurobindos zu leben. Und das bedeutet, dass man Denken, Aufmerksamkeit und Handeln so ausrichtet, als wäre einem die Sache mit der Vereinigung ernst. Denn es geht nicht um Dich, mich oder die da drüben – jeden für sich –, sondern um die Gesamtheit Aurovilles, und darüber hinaus die Menschheit insgesamt. Unsere Arbeit ist keinen Pfifferling wert, wenn sie nicht auf etwas jenseits von uns selbst gerichtet ist. Unsere Freiheit ist lediglich Sklavendienst für das Ego, solange nicht Freiheit für alle das Ziel ist. Und wenn wir gut in dem sind, was wir tun, können wir schnell dramatische Fortschritte machen. Andernfalls findet das Universum eine andere Spezies, die ihm hilft, seine Wünsche zu erfüllen.

Der Mensch nach dem Menschen

Denn „der Mensch ist nicht die höchste Stufe irdischer Schöpfung. Die Evolution läuft weiter und der Mensch wird übertroffen werden. Jeder Einzelne muss wissen, ob er am Erscheinen dieser neuen Spezies mitwirken möchte.“

Eugenik? Transhumanismus? Ich gebe zu, der Gedanke liegt nahe. Es ist dies eines der Beispiele, an denen man die Präsenz des dunklen Zwillings veranschaulichen kann, den jede spirituelle Erkenntnis besitzt. Der satanische Bruder gibt vor, das wahre Gute zu sein, doch er verdreht Wahrheit zur Lüge, das Gute ins Böse und Vielfalt in Beliebigkeit. Der Mensch kann sich Kraft der Evolution seines Bewusstseins freiwillig in ein körperlich verändertes Wesen verwandeln, das der höchsten Wahrheit besser zugänglich ist, und diese Evolution kann durch spirituelle Praktiken beschleunigt werden, sagt Aurobindo. Wir sind ebenso frei, es bleiben zu lassen. Die technokratischen Zauberlehrlinge unserer Zeit dagegen versuchen mittels Pharmazeutika, genetischen Manipulation oder durch die Verschmelzung mit Maschinen der Menschheit einen babylonischen Größenwahn aufzuzwingen, der in Aurobindos Lehre keinen Raum hat.

Der „Übermensch“ ist ein historisch vorbelastetes Thema, ein schwieriges Territorium, gerade in unserer Zeit, in der der aller Sinnhaftigkeit und Transzendenz entledigte Mensch sich zum allmächtigen unsterblichen homo deus aufzuschwingen versucht. Man sollte schon sehr genau hinsehen, wer in welcher Weise und mit welcher Zielsetzung darüber redet, und auch Karl Kraus‘ Bemerkung, dass der Übermensch ein verfrühtes Ideal sei, das den Menschen voraussetze, sollte man auf jeden Fall bedenken, denn ein großer Teil unserer Brüder und Schwestern steckt in einem Überlebensmodus fest, der fast keinen Raum lässt, die besonderen Fähigkeiten unserer Spezies zum Ausdruck zu bringen.

Den lichten vom dunklen Zwilling zu unterscheiden bedarf eines geschärften Blicks, den man mit ein bisschen Übung jedoch leicht erwerben kann. Viele der Konzepte der Auroville-Utopie, die zunächst verwirrend oder unmöglich erreichbar scheinen, ergeben durch ihn erst Sinn. Ich weiß, dass es nicht viel hilft, wenn ich sage, dass all das Unmögliche zur Selbstverständlichkeit wird, wenn man Aurobindos Lehren genug zu vertrauen beginnt, um sich in sein Experiment fallen zu lassen. Und doch ist es wie mit jenem Schild, das den Weg zum Restaurant zeigt: Der Hunger nach Wahrheit wird nicht von Aurobindos Büchern gestillt, sondern an dem Ort, zu dem diese Bücher den Weg weisen. Wir kommen im nächsten Artikel darauf zu sprechen.

Skeptische Blicke, ja, ich verstehe. Zu viele Rattenfänger haben wir gesehen, um noch an irgendetwas glauben zu können. Den Zynismus und Nihilismus der Einen und den Defätismus und die Depression der Anderen kann man nur zu gut nachvollziehen. Und doch sollten wir uns nicht entmutigen lassen, sondern aus den Misserfolgen unserer Suche die richtigen Schlüsse ziehen.

Es gibt das Gute, nach wie vor.

Dank der Forschungen zahlreicher Männer und Frauen aller Zeiten und Kulturen wissen wir: Nicht Gott ist tot, Nietzsche ist es. Ken Wilber entgegnet den Zweiflern:

„Wenn man wissen will, wovon diese Männer und Frauen eigentlich reden, dann muss man die kontemplative Praxis oder das kontemplative Paradigma ergreifen und das Experiment selbst durchführen.“ – Ken Wilber: Eine kurze Geschichte des Kosmos

Und da in Auroville „jedem Menschen volle Freiheit gewährt“ wird, das Experiment durchzuführen, kann buchstäblich alles geschehen. Es ist daher unnütz, im Detail vorhersagen oder gar vorbestimmen zu wollen, wie das Dasein an einem solchen Ort aussehen wird.

“Frei die Wahrheit zu suchen und sich ihr frei auf eigenen Wegen zu nähern ist das Recht eines jeden Menschen. Jeder aber sollte wissen, dass seine Entdeckungen nur gut für ihn selbst sind und anderen nicht aufgenötigt werden dürfen.”

Aurovilles Motto: “Die Stadt im Dienst der Wahrheit”. Foto: Autor

Organisation

In der Siedlung soll es idealerweise keine Regierung geben. Wie im „Traum“ angedacht,„würden Titel und Rang ersetzt durch Gelegenheiten zum Dienen und Organisieren;” nichts und niemand hat das Recht, sich anderen aufzuzwingen. Ein Anführer sollte als eine Art Berater verstanden werden, der den Menschen seiner Gemeinschaft dient, nicht als sogenannte Autorität, die das Recht hat, über andere zu bestimmen.

„Es werden keine Regeln aufgestellt. Die Dinge werden ausgearbeitet, während sich die der Siedlung zugrunde liegende Wahrheit zeigt und immer mehr Gestalt annimmt. Wir nehmen nichts vorweg.“

Probleme sollten gelöst werden, indem man einen Konsens erzielt, nicht durch Mehrheitsbeschluss oder gar Verordnung. Auch hierfür bedarf es intensiven Horchens sowie des guten Willens, über die eigenen Einstellungen hinauszuwachsen. Denn wenn guter Wille besteht, eröffnen sich Möglichkeiten, die allen Mitgliedern der Gemeinschaft dienen. Wie wir uns organisieren, könnte sich spontan ergeben und so fließend an die Erfordernisse des Augenblicks angepasst werden – man stelle sich die Szene vor –, wie die Bewegungen von Menschen, die an einem dicht bevölkerten Ort kollisionsfrei interagieren, während jeder seinen Geschäften nachgeht. Keinerlei Regeln sind hierfür nötig. Wenn man sich von höheren Ebenen des Bewusstseins leiten lässt, angefangen bei den Grundlagen menschlichen Zusammenlebens, wie sie die Goldene Regel beschreibt, wird eine „Göttliche Anarchie“, wie sie die Mutter beschreibt, möglich.

Wie Du Dir vermutlich schon gedacht hast, gibt es in einer solchen regierungsfreien Gesellschaft auch keinen Platz für Gesetze, Polizei und Gerichte, denn all dies sind Formen von Zwang und Gewalt, also der Einschränkung von Freiheit. Man kann diese Institutionen nicht aufrecht erhalten und gleichzeitig eine freie, gerechte und friedliche Gesellschaft haben. Niemand ist scharf darauf, andere fertigzumachen. Wenn man die Menschen sich selbst überlässt, das zeigen beispielsweise Berichte aus Katastrophengebieten, organisieren sie sich spontan im Sinne gegenseitiger Hilfe. Selbst das unfertige Auroville unserer Tage, so sehr manche seiner Einwohner auch von Furcht, Unwissenheit und Gier getrieben sind (und so sehr mich deren Einstellung manchmal in den Wahnsinn treibt), kann schon als positives Beispiel für die enormen Fortschritte herhalten, die durch größere Selbstbestimmung erzielt werden können.

Arbeit, Geld & Eigentum

Sie glotzen TV bis in die Puppen, daddeln Videospiele, bis sie die Weltbestenlisten knacken, oder campen monatelang am Strand, ohne auch nur eine Sekunde an Arbeit zu denken. Sie haben die eckigsten Augen und die fettesten Hinterteile, die man sich vorstellen kann, richtig? Falsch.

Was in Abwesenheit von „Autorität“ geschieht, hat nichts mit dem zu tun, was man uns in den Medien darüber erzählt.

Die marodierenden Menschenfressermobs aus den post-apokalyptischen Kinofilmen sind ein falscher Mythos, und der von Natur aus faule Mensch ist es ebenfalls. Wo es sie gibt, sind sie das Produkt von Rebellion gegen hoffnungslos überregulierte Strukturen, die sich auf die eine oder andere Weise Bahn bricht. In Stammesgruppen, die traditionell keine Regierungen haben, existieren diese Phänomene nicht; was getan werden muss, um das gemeinsame Überleben zu sichern, und was getan werden kann, um das Dasein mit Freude zu erfüllen, wird getan – von Beginn unserer Spezies bis heute, und zwar ohne Montag-Morgen-Blues und Midlifecrisis. Die allgemeine Vorstellung darüber, wie das Stammesleben abläuft und wie es sich anfühlt, bewegt sich offensichtlich fernab aller Wirklichkeit. Entgegen der Geschichten vom viehischen, schweren und kurzen Leben ihrer Opfer, die die Konquistadoren und Missionare bei ihrer Rückkehr nach Europa erzählten, genossen und genießen die sogenannten „Wilden“ einen weitaus größeren Grad an Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und Wohlergehen als die Menschen in der Zivilisation. Obwohl – oder gerade weil – sie weder von Autoritäten getrieben noch durch Geld angespornt werden, leben die zivilisationsfreien Kulturen ohne Hintergrundangst in einer für uns unvorstellbaren Fülle, selbst heute noch, unter den schwierigen Umständen, in die unsere Landnahme sie getrieben hat.

Nun stell Dir eine moderne Siedlung vor, wo „Arbeit… nicht länger ein Mittel [wäre], seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wäre ein Mittel, durch das sich jeder ausdrückt und seine Kapazitäten und Fähigkeiten entwickelt, während er zugleich dem Wohl der ganzen Gruppe dient, die ihrerseits für seinen Lebensunterhalt und seinen Arbeitsbereich aufkommt.” Wenn Dir diese Vorstellung misslingt, besuche uns doch einmal. Ich habe in einem dreiseitigen Artikel einer großen deutschen Zeitung gelesen, dass die Schreiberin von der Tatsache beeindruckt war, dass Aurovilles Einwohner relativ entspannt leben, während sie zugleich mit zahlreichen Aktivitäten und Projekten beschäftigt sind: Gemeindeverwaltung, Diskussionen, Kunst, Sport, Heilwesen, Meditation, Seminare (gebend und nehmend), „Beruf“, Gartenarbeit usw., die sie allesamt nicht als erniedrigende oder sinnlose Arbeit zum Zwecke des Broterwerbs empfinden. Und das geht allen so? Nun, einer genügend hohen Zahl von Aurovilianern, um die Journalistin zu beeindrucken; all jene, die verstanden haben, dass „der Gegensatz zwischen Spiritualität und körperlichem Leben … keinen Sinn ergibt …, da das Leben und der Spirit in Wahrheit eins sind, und erst in der körperlichen Arbeit und durch sie kann der höchste Spirit manifestiert werden. Nicht in dem, was man tut, sondern durch den Geist, in dem man es tut, besteht der Karma Yoga [d.h. der Yoga der Arbeit, wie der Integrale Yoga auch genannt wird].“

Durch diese Haltung verschwindet ein weiterer Faktor, der Gesellschaften maßgeblich davon abhält, Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit und Zufriedenheit zu verwirklichen: Mutters „Traum“ zufolgewäre Geld nicht länger der höchste Herrscher“, weil wir Wege gefunden haben werden, unseren Aktivitäten ohne seine Beteiligung nachzugehen. Und damit verliert man zugleich schnell die Vorstellung von Eigentum. Nicht nur kann die Gemeinschaft Kraft der Arbeitsleistung aller ihrer Glieder jedem das Notwendige zur Verfügung stellen, sondern es ist auch so, dass „wir zunehmend genau das bekommen, was wir brauchen, je mehr wir uns bewusst mit unserem inneren Sein verbinden.“ Es ist ein realer Effekt, der in Spiri-Kreisen zu den Selbstverständlichkeiten gehört. Materialisten würden ihn vielleicht ‚Synchronizität‘ nennen. Das ist zwar eine ziemlich schnöde Auslegung, aber ich habe nichts gegen sie einzuwenden.

Soviel zum Traum von Auroville. Um die Wahrheit von der Illusion zu trennen, muss man stets bewusst gelebte Wirklichkeit vom Ideal unterscheiden, und man darf eigene Erfahrungen und vermittelte Informationen nicht auf dieselbe Stufe heben. Zu viele Besucher und unglücklicherweise auch einige Aurovilianer versäumen dies. Halte den Gedanken präsent, während Du die weiteren Teile der „Auroville und das Naturrecht“-Serie durchliest.

Vielen Dank für Deine geduldige Aufmerksamkeit. Ich würde mich freuen, wenn Du Deine Gedanken mit mir teilst und auch mit anderen über diese Artikelserie sprichst.

Auroville & das Naturrecht

  1. Von stinkenden Lilien und üppig belebten Seen
  2. Pfeil rechts Nietzsche ist tot Pfeil links
  3. Asuraville
  4. Wahrheit oder Abgrund

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