Die Sünde des Gehorsams

Die Sünde des Gehorsams

Prolog

Als ich im Deutschland der 1970er meine erste Dekade auf Erden durchschritt, war in Sünde zu leben“ noch immer ein heißes Eisen. Die Älteren unter euch werden sich erinnern. Viele begannen es weniger ernst zu nehmen, aber es konnte noch immer schwere Konsequenzen zeitigen. Meine Mutter hätte es vielleicht riskiert, wenn ihr Wahlpartner, ein verheirateter Mann, eingewilligt hätte. Seine Feigheit ersparte ihr das gesellschaftliche Stigma einer „wilden Ehe”, wie man das damals auch nannte, wenn man als unverheiratetes Paar zusammenlebte. Ein vaterloses Kind aufzuziehen war fast so schlimm wie ein Leben in Sünde. Es verschloss einem viele Türen und machte es sehr schwer, eine Wohnung zu finden. Niemand wollte mit unanständigen Leuten zu tun haben. Heute kann man sich den damaligen Moralkodex kaum noch vorstellen. Vieles mehr von dem, was damals galt, ist inzwischen vergessen: Grenzen waren in Europa ernsthafte Hindernisse. Italien war noch immer ein exotisches Land, das sich nicht jeder Deutsche zu bereisen leisten konnte. Man würzte sein Essen mit Pfeffer und Salz statt Oregano und Sojasoße. Zu Beginn der 80er, als der Neoliberalismus sowohl Religion als auch Kultur und den sozialen Zusammenhalt zu erodieren begann, geriet der Begriff der Sünde schnell außer Gebrauch. Statt Pfeffer und Salz waren nun Salt’n’Pepa hip, und statt verklemmten Geschlechterbeziehungen hieß es Let’s talk about Sex, Baby!

Die 70er waren die Hochphase von Ivan Illichs Popularität. Seine Bücher verkauften sich wie warme Semmeln und wurden zur Standardlektüre in intellektuellen Kreisen. Der katholische Priester, der sein Amt ruhen ließ, nachdem er eine Auseinandersetzung mit der Heiligen Inquisition gehabt hatte, vermittelte erstaunliche Einsichten in das Funktionieren – oder eher nicht-Funktionieren – moderner Gesellschaften. Dass es sich bei ihnen um die pervertierten Nachfolger der mittelalterlichen Kirche handelt, wie er schlüssig darlegte, wurde jedoch nur selten verstanden.

Eigentlich bin ich kein religiöser Mensch. Von der Kirche habe ich mich schon lange, lange losgesagt, aber in einem neuen Werk über Illich, das ich gerade übersetze, finde ich zahlreiche Anknüpfungspunkte an mein eigenes Denken. Nach Jahrzehnten der Gleichsetzung von Glaube und organisierter Religion beginne ich langsam die Bedeutung von Religiosität für das menschliche Sein zu verstehen. Wenn man ihren historischen und spirituellen Hintergrund einbezieht, ergeben verschiedene christliche Konzepte zunehmend Sinn. Während die Generation meiner Eltern noch fürchtete, als sündig erachtet zu werden, also eines religiösen Vergehens oder gar Verbrechens für schuldig befunden zu werden, führte Illich eine neue und gleichzeitig sehr ursprüngliche Bedeutung von Sünde (wieder) ein: wenn man anderen nur hilft, wenn das den Regeln entspricht, statt einem inneren Drang zu folgen; wenn man hilft, weil man muss, und wenn man nicht hilft, wenn man es nicht darf oder braucht. David Cayley erklärt es so:

Sünde bedeutete in diesem neuen Zusammenhang nicht mehr lediglich eine Rechtsverletzung, sondern war mehr: eine Kälte oder Gleichgültigkeit gegenüber dem Offenbarten und dem möglich Gewordenen. (David Cayley: In den Flüssen nördlich der Zukunft)

Wer sich gern näher mit diesem Verständnis von Sünde auseinandersetzen möchte, sollte meinen Artikel NO MASK, NO ENTRY lesen. Auch wenn ich sie selten wörtlich benennen werde, wird es hier in diesem Artikel ebenfalls um Sünde gehen. Der Fokus liegt dabei auf der maschinenhaften Kälte westlicher Gesellschaften, die sich als die freiesten brüsten, während sie unfähig sind, dem Einzelnen zuzutrauen, in Zeiten der Krise vernünftig zu handeln. Es sind dies Gesellschaften, wo Fürsorge ein Rechtsbegriff ist, das Geschäft von nationalen Institutionen und Wirtschaftsbetrieben, wo Solidarität zur Bürgerpflicht erklärt wurde und wo Gesundheit mehr Pflicht als Recht ist: medizinische Tyrannei. Die Sünde des Gehorsams ist in Beantwortung der Frage eines Freundes entstanden, der wissen wollte, wie ich mir eine geeignete Antwort auf Krisen wie die sogenannte Corona-Pandemie vorstelle. So wie Eugen Drewermanns Gründonnerstags-Interview 2021, auf das wir gegen Ende des Artikels zu sprechen kommen, scheinbar der Frage eines Zuhörers ausweicht, was er denn nun angesichts einer Bedrohung tun solle, wird es auch hier keine direkte Handlungsanleitung geben. Und doch geht in beiden Fällen exakt um den Kern des Ansinnens. Der Natur der Sache geschuldet muss die Antwort struktureller Natur bleiben, während ihre konkreten Inhalte in der Verantwortung des Rezipienten liegen.

Die Corona-Dichotomie

So offensichtlich die Ähnlichkeiten zwischen der industrialisierten Welt im 21. Jahrhundert und der Anfangsphase totalitärer Herrschaft auch sind, scheinen die meisten Menschen blind dafür zu sein. Vielleicht liegt das daran, dass sie, um im derzeitigen Beispiel zu bleiben, Angst vor Krankheit und Tod haben. Aber diese Angst ist vorsätzlich ausgelöst worden, unnötig und gegen jedes vernünftige Krisenmanagement. Nach fünfundzwanzig Monaten Schein-Pandemie und fast genau so vielen Monaten eigener Beobachtungen und Recherchen zu Tatsachen und Propaganda rund um das Corona-Virus besteht aus meiner Sicht kein Zweifel mehr daran, dass es nie eine durch Viren ausgelöste Bedrohung der „öffentlichen Gesundheit“ gegeben hat, und schon gar nicht der gesamten Menschheit. Die WHO selbst bestätigte inzwischen, dass die durchschnittliche Sterblichkeitsrate nach Infektion bei 0,14% liegt – im Bereich einer gewöhnlichen Grippe. Nicht gerade die Biowaffe, von der sich manche einreden lassen, man habe sie auf uns losgelassen. Auch eine natürliche Ausdünnung der Herde sieht anders aus und würde sich um fünfzig bis einhundert Mal stärker ausgewirkt haben. Während das Maskenmedien konsumierende Volk wie hypnotisiert den neuesten „Fallzahlen“ entgegenfiebert, treiben die sogenannten Maßnahmen arglose fette Schafe ins Schlachthaus der Kollateralschäden, die um Größenordnungen die vorgeblichen Opferzahlen des Virus übertreffen. Ich erspare uns die lange Liste der Formen von Leid, Schädigung und Tötung, die das Corona-Regime, nicht das Virus, über Milliarden Gesunde wie Kranke gleichermaßen bringt.

Dabei möchte ich nicht das Leid derer in Abrede stellen, die sich schwere Fälle von Covid19 zugezogen haben. Ich muss aber darauf hinweisen, dass dabei jedes vernünftige Maß im Umgang mit der Krankheit verloren gegangen ist; und dass es genügend Beweise gibt, dass das so beabsichtigt war. Dr.osten, der Erfinder des Corona-PCR-Tests und die deutsche Regierung wussten von Beginn an, dass sie enorme Schaden anrichten würden, dass es sich nur um einen grippalen Infekt handelte, dass die Tests keine Infektionen nachweisen können, dass der verwendete Test unvermeidlich überwiegend falsch-positive Ergebnisse liefern würde, dass die kumulative Darstellung aus dem Zusammenhang gerissener „Fallzahlen“ einen falschen Eindruck von Dringlichkeit erzeugte und dass es keine asymptomatischen Corona-Infektionen gibt – und wenn die Deutschen es wussten, dann wussten es alle Regierungen. Wir werden Zeuge von monströsem medizinischem Pfusch, Angstmacherei, politischer Korruption, Finanzbetrug, Mittelstandsvernichtung, Katastrophenausbeutung, gekaufter Wissenschaft, Machtaneignung, Überwachung, Gleichschaltung und gesellschaftlicher Manipulation.

Ja, ich habe mich entschieden, welche Seite der Corona-Dichotomie ich für näher an der Realität erachte. Denn nicht nur sind die offiziellen Zahlen zurechtgebogen und ihre Auslegung abstrus; darüber hinaus wird das Bild des Gesamtgeschehens vollständig ausgeblendet. Wie der größte Teil ahnungsloser Bürger kannst du mir in diesen beiden Punkten natürlich widersprechen. Das ist in Ordnung. Der dritte Punkt ist mir ohnehin weitaus wichtiger. Denn für mich liegt das Problem nicht so sehr in den Zahlen und Daten, und wer welchen Quellen vertraut. Selbst wenn ich mit meiner Einschätzung der Gefährlichkeit der Krankheit falsch läge, d.h. wenn wir uns inmitten einer schweren Pestseuche befänden, sehe ich noch immer die Verantwortung für die individuelle Gesundheit bei jedem Einzelnen von uns für uns selbst. Ich bin nicht Gott der Allmächtige, in dessen Händen das Leben und Wohlergehen der Menschheit liegt. Niemand ist das. Nicht einmal Gott selbst garantiert uns Schutz vor Krankheit und Tod. Doch dass es deine, meine und des Staates Pflicht wäre, andere davor zu bewahren, genau das will uns die neoliberal verdrehte Definition von „Solidarität“ verkaufen. Und genau das ist Illichs wiederbelebtes urchristliches Verständnis von Sünde. Die Pflicht zur Anwendung offiziellerseits festgelegter Präventions-, Kontroll- und Behandlungsmethoden führt uns direkt in eine totalitäre Medizin, auf den Gipfel eines uralten Programms der Kontrolle, nach dessen Vorgabe ein epischer Krieg des zivilisierten Menschen gegen die Natur geführt wird. Dieses Programm läuft genau jetzt vor unseren Augen oder besser gesagt in unseren Köpfen ab, auch wenn wir längst ahnen, dass ein Sieg gegen dieses vermeintlich Böse, das Virus, nie zu erlangen ist.

Worauf ich hinaus will: Es geht im Leben um mehr als das Überleben, und all das, was das Leben einschließt, bedarf unserer Aufmerksamkeit, wenn überleben einen Sinn haben soll. Wenn wir diese simple Wahrheit einmal erkennen, verwandelt sich die Frage, was wir tun sollen, um diese Krise unbeschadet zu überstehen, in eine andere: Wie will ich – wie wollen wir – eigentlich leben?

Die Welle, von Carlos Schwabe, 1907
Carlos Schwabe – Die Welle, 1907; eine Darstellung der undkontrollierbaren Hysterie im Vorfeld des ersten Weltkriegs

Die Kosten systematischer Objektivierung

Die Mitglieder unserer geisteskranken Kultur glauben zumeist, dass sie als Subjekte – Mitglieder einer vermeintlichen Herrscherspezies – ihr Leben unter Kontrolle hätten. Sie sind sich völlig unbewusst, dass sie auf wenig mehr als eine Ressource in der Maschine, die wir Gesellschaft nennen, reduziert worden sind, gerade so sehr Objekte wie Bäume, Möbel, Toilettenpapier oder Schlachtvieh. Nicht wir haben Kontrolle über das Virusgeschehen, sondern das sogenannte Gesundheitssystem kontrolliert uns, indem es uns permanent im Überlebenskampf gegen eine Welt von unsichtbaren Feinden gefangen hält. Für die Sicherheit, die wir uns wünschen, zahlen wir teuer: Derrick Jensen schrieb in seinem Buch The Culture of Make Believe:

Während wir das Annehmliche und Schöne genießen, das unsere Lebensweise gewährt, und während wir in der heißen Asche eines schwelenden, sterbenden Planeten stehen, sollten wir uns fragen, was die systematische Objektivierung kostet; nicht nur [die anderen Lebewesen], sondern uns.

Wie ist das mit Masken, die man in die Gesichter gebärender Mütter presst? Wie ist das mit Kindern, die ohne Großeltern, lächelnde Münder, Umarmungen und Küsse aufwachsen? Mit alten Menschen, die man daran hindert, ihre Familie vor dem Tod noch einmal zu sehen? Mit der Kriminalisierung von Tanz, Gesang, Geburtstagsfeiern und dem gemeinsamen Sitzen auf einer Parkbank? Wie ist das mit Leuten, die man auf ein Etikett wie „Risikogruppe“, „Gefährder“, „Corona-Leugner“ und all die anderen perversen entmenschlichenden Neusprechwörter reduziert? Dies ist die Sorte Gesundheits- „Fürsorge“, die nach derselben Logik funktioniert, wie die Verteidigung von Freiheit und Demokratie mit Massenvernichtungsmitteln. Dies ist der beschränkte Geist im Kriegsmodus, die scheuklappenbewehrten Augen fest auf den Feind gerichtet. Tunnelblick. Viel zu viele Menschen ignorieren völlig das immense Leid, das die von der Regierung verordnete Massenpsychose und die Pseudomaßnahmen erzeugen. Eine scheußliche Vision drängt sich auf, die Ivan Illich bereits in den 1970ern plagte und die nun auf surreale Weise real geworden ist: das „zwanghafte Überleben in einer verplanten, technisierten Hölle“ (Illich, Die Nemesis der Medizin). Wer diesem Programm folgt, legt seine Menschlichkeit ab. Und wer mich zu zwingen versucht, ihm zu folgen, vernichtet meine. Ich empfinde die Lage, in der wir uns heute befinden, als zutiefst barbarisch und unerträglich, und ich würde lieber sterben, als fortgesetzt unter diesem Regime leben zu müssen. Das meine ich wörtlich. Über – meine – Leiche!

Gibt es keine Alternativen?

Ich persönlich glaube, dass das Akzeptieren von Verletzlichkeit als einer unumstößlichen Tatsache uns bessere Dienste leistet, als erbitterter Widerstand zur Verzögerung des Unvermeidlichen. Ich verlange natürlich von niemandem, dass er aufhört, sich und seine Liebsten schützen zu wollen. Ich bin völlig dafür, dass die Menschen gemeinsam Antworten auf Herausforderungen finden und sich dabei von Institutionen helfen lassen, aber ich finde Druck, Drohung, Zwang und Strafe, die einen bestimmten Ansatz durchsetzen sollen, völlig inakzeptabel. Dazu zählen auch Gleichschaltung von Presse und Institutionen, Missbrauch von Gruppendynamiken und die Hexenjagd auf Abweichler. Derlei hat völlig neue Dimensionen erreicht, die wir zuletzt – na, ihr wisst schon wann – gesehen haben. Keine vernünftige Regierung und kein vernünftiger Arzt hätte im Ernstfall solch eine riesige Panik ausgelöst, wie das die gegenwärtigen Statthalter und ihre Quisling-Doktoren taten. Das Ausmaß an Lügen und Gewaltanwendung ist erschütternd, wenn man sie einmal wahrzunehmen beginnt. Wer handelt so? Gibt es beim Führungspersonal nicht Zeichen der Soziopathie? War das nicht schon seit Längerem so? Waren sie stets ehrlich, glaubwürdig, selbstlos, empathisch und hilfsbereit oder eher das Gegenteil? Worin bestehen eigentlich ihre Kompetenzen? Wieso hört diesen Politdarstellern überhaupt noch irgendjemand zu?

Hilfe, wenn sie nicht im Illich‘schen, urchristlichen Sinn sündig sein soll, geschieht aus freien Stücken, um des Hilfsbedürftigen willen und auf dessen Wunsch, unabhängig von Regeln, die dies ge- oder verbieten. Ob dagegen die Menschen im Altersheim vor Covid19 geschützt sein wollen, interessiert niemand. Ob Schulkinder kollabieren, weil sie keine Luft mehr bekommen, ist unerheblich. Ob du die Maßnahmen für sinnvoll erachtest, spielt keine Rolle. Maskentragen ist Pflicht. Isolation ist Pflicht. Impfen ist Pflicht. Diese Linie zwischen dem Freiwilligen und dem Geforderten, zwischen dem Freien und dem Verpflichtenden ist das Kennzeichen, anhand dessen man das Menschliche und Organische vom Zivilisierten und Maschinellen unterscheiden kann. Es ist ein tiefer Graben, der quer durch alle Angelegenheiten, alle Gesellschaften und oft auch mitten durch den Geist des Individuums verläuft. Man kann das auf den Umgang mit den zahlreichen Krisen unserer Zeit anwenden, die allesamt ein Ausdruck der Ur-Krise sind: unserer Fehleinschätzung davon, wer wir sind und was wir hier sollen – und die den Ausgangspunkt und den Nährboden unserer Zivilisation darstellt.

Durch eine formelle Ausbildung in allopathischen Behandlungen und dank der Beschäftigung mit alternativen Gesundheitsvorstellungen kenne ich Alternativen zu diesem krassen Verhalten, das nun überall gezeigt wird. Pandemiker wollen davon nichts hören – was es nur noch offensichtlicher macht, wie falsch dieses Killervirus-Narrativ ist, ob man es nun aus medizinischer, biologischer, ökonomischer, sozialer, spiritueller, ethischer oder statistischer Sicht betrachtet. Es bereitet mir Mühe, mit Leuten zu reden, die es unhinterfragt ernst nehmen. Ich fühle mich wie auf dem falschen Planeten geboren, einem Ort, wo Unsinn als Vernunft gilt. In der Rückschau auf früheste Kindheitserinnerungen fühlte sich das Leben unter diesen Leuten schon immer fremdartig an. Fünfzig Jahre später aber komme ich mir vor wie in einer von den Insassen geführten Klapsmühle. Mangels Kenntnissen in außerirdischer Psychologie fühle ich mich angesichts des bösen Fluchs, unter dem die meisten Leute in industrialisierten Weltgegenden stehen, ziemlich verloren. Manchmal macht es mich selbst verrückt. Wenn ich wieder zu Vernunft komme, sage ich mir, dass es in Ordnung ist. So wie ich nicht für ihre körperliche Gesundheit verantwortlich bin, kann ich auch nichts für ihre geistige. Es geht mich nichts an, was sie glauben oder was sie wissen. Ich trage das Meine bei, um den Zustand zumindest nicht weiter verschlimmern zu lassen, aber ich kann nur so viel leisten, wie meine Kraft und ihr Wille es zulassen. Sie halten es für in Ordnung, so zu sein, wie sie eben sind, und es nützt nichts, sie in Auseinandersetzungen über gültige Quellen und korrektes Zahlenmaterial zu verstricken, denn medial transportiertes – vermitteltes – Wissen hat mit der Wirklichkeit sowieso oft wenig zu tun, Statistik wird dem Lebendigen nicht gerecht und Wissenschaft hat keinen Bezug zu weisem Handeln.

Nochmals: Der entscheidende inakzeptable Punkt ist aus meiner Sicht das Aufzwingen vermeintlicher Lösungen, nicht in erster Linie deren Wirksamkeit.

Drei Beispiele

Nach zweieinhalbtausend Wörtern denkst du womöglich, ich hätte deine brennendste Frage noch immer nicht beantwortet: Was sollst du tun? Was erwarte oder verlange ich von allen, sie sollten es tun? Nachdem ich aufgezählt habe, wogegen ich bin, wofür bin ich dann? Die Antwort ist in diesen 2500 Wörtern enthalten; ich wette, sie ist sogar irgendwo in deinem Geist verfügbar, abgetan als unpraktisch, unmöglich und utopisch. Die Beispiele dreier Menschen kommen mir in den Sinn, die von ihren Zuhörern ähnliche Reaktionen erhalten haben wie ich. Ich werde sie alle drei erzählen und dann mein Argument explizit zum Ausdruck bringen.

Von Sozialphilosophin Marianne Gronemeyer hörte ich eine Anekdote über Illich und einen befreundeten Schreiner. Der Schreiner ‚versuchte‘ seinen Freund mit den Worten: „Was ich erstaunlich finde ist, dass du dein Denken für ‚Tun‘ ausgibst“, als wolle er wissen, was das Eine mit dem Anderen zu tun hat. Illich antwortete säuerlich: „Das will ich aber wohl meinen!“; denn sein Anliegen war die Umsetzung des Verstandenen im Alltag. Als er über den barmherzigen Samariter, die Bergpredigt oder über Obergrenzen für Technologie sprach, ging es ihm nicht um rein philosophische oder gar theologische Erwägungen, sondern um praktische Anwendung.

Ein weiteres Beispiel von als rein theoretisch missverstandener Weisheit stammt von Jiddu Krishnamurti. Auf einem seiner Vorträge, den er in in den 1960er Jahren in Ojai, Kalifornien hielt, wurde er gefragt, ob es auch möglich sei, das zu praktizieren, was er erzähle. Seine Antwort war ein energisches „Tun Sie es! Tun Sie es! Tun Sie es eine Sekunde lang!“ Das schien den Fragesteller zu erstaunen. Nach fünf Sekunden Stille eine weitere Frage: „Wie?“ Krishnamurti lächelte. „Wissen Sie, neulich sagte ich, das Wort ‚wie‘ sei das rätselhafteste Wort, weil der Eine vom Anderen gesagt bekommen möchte, wie er etwas tun solle. (The real revolution #1, 17’30” ff). Krishnamurti lag nichts daran, die Rolle des Lehrers oder einer sonstigen Autorität zu übernehmen. In seinen Reden ging es nicht darum, anderen zu sagen, was sie zu tun hätten. Sie sollten seinen Zuhörern helfen, die Wahrheit zu entdecken, die bereits in ihnen schlummerte, und entsprechend zu handeln: „Sie selbst sind der Lehrer, der Schüler, der Meister, der Guru, der Anführer – Sie sind alles! Und wenn man das verstanden hat, wird man das Gegebene verwandeln.“ (The real revolution #1, 27’13” ff).

Drittes Beispiel: Am Gründonnerstag, den 1. April 2021 gab der Psychoanalytiker und katholische Theologe Eugen Drewermann, einer der bekanntesten Kirchenkritiker und Friedensaktivisten der Gegenwart, ein zweistündiges Interview. Mit Filmemacher Robert Cibis (OvalMedia) sprach er in Episode 40 der Sendereihe Narrative über einige elementare Fragen zur sogenannten Pandemie. Das Wort „Corona“ tauchte darin herzlich selten auf, denn es ging hauptsächlich darum, wie man angesichts des enormen Drucks, den man von seinen Gruppen ausgesetzt wird, denen man zugehört – am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, im Verein, in der Familie, in der Gemeinde –, sich selbst treu bleiben kann. Gegen Ende fragte einer der Zuschauer Drewermann, was die effizienteste Art des Widerstands sei. Viele Zuschauer wünschten sich, dass er „etwas praktischeren Rat“ gebe. Bei seiner Antwort setzte er mehr oder weniger die Analyse fort, die er bis dahin gegeben hatte, als wolle er nochmals einhämmern, dass genau dies der springende Punkt gewesen sei: die Sache, die man zu begreifen habe, bevor man etwas tun könne. Was das Publikum als rein theoretisch-philosophische Erwägungen wahrnahm, ist der eigentliche Kern, den man ernst nehmen muss. Wenn das gelingt, wird man von ganz allein alle nötigen Schritte in die Wege leiten, ohne irgendjemand zu brauchen, der Anleitung gibt und befiehlt, was ge- oder verboten ist. „Worauf es mir jetzt ankommt,“ sagt Drewermann, „ist, dass Sie den eigenen Wahrnehmungen folgen und sich als Menschen durchhalten.“ (2:09:00 ff). Er erzählt dann von einer Bitte nach Konkretisierung, die dem Schriftsteller und Philosophen Hermann Hesse 1955 von seinen Lesern vorgetragen wurde. Nach der Lektüre von Demian hatten sie den Eindruck, er habe seine Botschaft, wie denn nun bezüglich der frisch in Deutschland wieder eingeführten Wehrpflicht zu verfahren sei, nicht verständlich genug geäußert. Hesse erwiderte ungefähr: „Tue genau, was sie sagen, befolge Befehle, beklage dich nicht und jeder wird zufrieden mit dir sein. Wenn du aber deinen Nächsten als genau so menschlich wie dich selbst erkennst, wirst du aufhören, Befehle zu befolgen. Plötzlich wenden sich alle gegen dich. Du aber bleibst du selbst. Wenn das geschähe, wäre das Wichtigste erreicht. Alles Weitere lässt sich daran festmachen.“

Eugen Drewermann
Eugen Drewermann

Wie man die Welt verändert

Wir brauchen den Einzelnen, der den Mut hat zu sagen, was er glaubt, was er für richtig findet. Die Abweichler sind unbedingt viel wichtiger als die Mitmarschierer, die Ausnahmen wichtiger als die Regeln, denn da sind die Erneuerungspotenziale. Und ohne den Mut, ein Einzelner zu sein, degeneriert jede Gruppe. Sie wird unmenschlich.

Der Mut, ein Einzelner zu sein, ist die Einstiegsbedingung in eine humanitäre Form des Zusammenlebens. Wer das nicht wagt, verrät nicht nur sich selbst, er verrät sie alle, indem er ihnen Recht gibt: „Ihr seid ja richtig, weil ihr alle dasselbe tut.“ Genau deswegen haben sie alle Unrecht: weil sie nicht selber leben. (Drewermann, 43:01 ff)

Und er betont ausdrücklich: “Wenn Sie das nicht wagen, ändert die Welt sich nie.“

Sollte der Groschen noch nicht gefallen sein, steht für dich noch immer die Frage meines Freundes im Raum: „Wenn eine Gesellschaft abfedern will, was sie als Krise betrachtet, wie kann oder sollte sie das tun? Was soll geschehen, wenn eine Gesundheitsbedrohung umfangreicherer gesellschaftlicher Reaktionen bedarf?“ Das kann so leider nicht beantwortet werden. Ich kann dazu zwar eine Meinung abgeben, aber meine Meinung ist nicht die der deutschen Gesellschaft, und damit ist sie in dieser Fragestellung unnütz. „Was wäre wenn“ eröffnet überdies ein hypothetisches Problem bezüglich statistischen Risikowahrscheinlichkeiten, nicht realen Gefahren. Auch dann hilft meine Meinung in der tatsächlichen Situation, in der du dich siehst, nicht weiter.

Das Problem besteht in den der Frage zugrundeliegenden Annahmen: dass die gesellschaftliche Bewertung der Situation als ‚kritisch‘ korrekt ist; dass eine universell-optimale Gesellschaftsform gibt; dass die Gesellschaft als Ganzes handeln sollte; dass Gesellschaften das überhaupt können; dass Risiken einer Reaktion bedürfen; dass es die eine richtige Antwort gibt; dass diese eine richtige Antwort gefunden werden kann; dass es einen Imperativ gibt, der alle dazu zwingt, den einen richtigen Weg zu beschreiten.

Man kann die Zwickmühle überwinden, indem man die Annahmen erkennt, über Bord wirft und mit etwas Abstand einen weiteren Blick auf die Situation wirft. Deshalb werde ich dich nicht bitten, einmal anzunehmen, dass die Regierung, die Experten, die Massenmedien oder die Mehrheit falsch liegen. Ob sie recht oder unrecht haben, ist irrelevant. Was Illich, Krishnamurti, Drewermann, Hesse und zu guter Letzt auch ich sagen möchten, ist folgendes: Niemand kann dir die Last der inneren und äußeren Erkundung von den Schultern nehmen. Niemand kann dir die Verantwortung abnehmen, dein Handeln am tiefsten Verständnis auszurichten, das du nach solcher Forschung erringen konntest. Du kannst dabei natürlich mit anderen Menschen kooperieren, um Rat bitten oder den Vorschlägen von Sachverständigen folgen, aber du kannst dich nicht hinter äußeren Regeln, Gesetzen, Kräften, Traditionen, Moralkodizes, Befehlen, Normen oder derlei verstecken. Diese können niemals das Vernachlässigen deines eigenen Verstandes rechtfertigen. Es gibt keine utopische Lösung, keinen Königsweg, keine universellen Ansätze, keine Wunderwaffe, keine Erfolgsgarantie, kein Einheitsmaß. Wenn alle dem vorgegebenen Beispiel folgten, führte dies direkt in die Katastrophe. Wie wir nun erleben dürfen, tritt diese schon ein, wenn sich bloß die Mehrheit an Vorschriften hält. Vergiss also die Experten. Jede Situation ist einzigartig, so wie auch jeder Mensch, jeder Fluss, jedes Atom einzigartig sind. Diese Tatsache verlangt von dir, dass du mit jedem Wesen und jeder einzelnen Sache in eine individuelle Beziehung trittst und deine eigene Antwort findest. Was du tun solltest und wie du es tun solltest, lässt sich daher niemals automatisch von den Fakten ableiten, kann nie normiert, vereinheitlicht und vorgeschrieben werden.

Jene, die uns kontrollbasierte universelle Lösungen aufdrängen, erschaffen selbst das Problem. Kontrolle funktioniert in komplexen Systemen nicht. Punkt. Handle darum nicht der Wirkung wegen, schau nicht auf den Erfolg und beharre nicht auf einem bestimmten Ergebnis. Drewermann formulierte es so:

Die Frage ist nicht, was wir erreichen, ob wir Erfolg haben. Wenn wir so denken, sind wir permanent abhängig von den Mainstream-Medien, von den Geldmachern, von den Rückwirkungen unserer Aussagen in der Öffentlichkeit …

Wir müssen nicht verantworten, wie die ganze Welt ist, aber wir haben die gottverdammte Verantwortung für uns selber, und was wir da für richtig sehen, sollten wir tun. Das ist die Verantwortung, die wir haben. Die können wir verbreiten, dafür können wir Werbung machen; tue ich ja gerade. Ob es denn gehört wird, ob die Friedensbewegung Fortschritte macht, ob sich die Politik ändert, die Wirtschaft ändert, die Kultur ändert – ich kann das versuchen. Ich habe über einhundert Bücher dafür geschrieben und tausende von Vorträgen gehalten; ich mache Interviews derart. Es kommt aber im Wesentlichen nicht darauf an, ob es sich lohnt. Ich sage nochmal einen Tag vor dem Karfreitag: Es kann sein, dass das alles grausig scheitert, dass darauf die Todesstrafe steht. „Diesen Kerl müssen wir abschaffen … er unterminiert alles…“ Damit müssen Sie leben lernen, wenn Sie das Richtige machen, oder Sie haben nichts verstanden vom Christentum, oder sie wissen nicht, wer Sie selber sind; ganz gewiss nicht, wozu Sie fähig wären. Dadurch ändert sich die Welt.“ (Drewermann, 2:12:44 ff)

Anmerkung: Der Artikel erschien erstmals in englischer Sprache unter dem Titel „Living in Sin“ auf meinem Blog Canary‘s Dead – Pass the Popcorn!

[Titelbild: Franz von Stuck – “Die Sünde” 1893]

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