Ein neues Nürnberg

Ein neues Nürnberg

Traumatische Erfahrungen

Ich war seit dem 15. März 2020 nicht mehr einkaufen, dem ersten Tag der Ausgangssperre in Indien. Lockdown heißt das im Neusprech – ausnahmsweise einmal ein treffender Ausdruck, denn es handelt sich um einen Fachterminus der Gefängnisverwaltung. Unser Planet, der größte Knast der Welt. Ich war ein Jahr lang nicht mehr beim Arzt, auch nicht beim Zahnarzt, obwohl dafür durchaus Anlass bestand. Ich gehe nicht mehr ins Kino, betrete kein Büro der Verwaltung mehr, keinen Kassenraum einer Bank. Ich reise nicht mehr, weder kurz noch lang, weder mit dem Taxi noch mit dem Zug oder gar dem völlig indiskutabel gewordenen Flugzeug. Ein Buchmanuskript liegt ungedruckt auf meiner Festplatte und setzt digitalen Staub an, weil mir die Stadt inzwischen Atemnot schon beim Gedanken an sie auslöst. Ich war – auf Einladung von Freunden – zum Mittagessen in einer winzigen Garküche, die keinen Wert auf spezifische Bekleidung legte; es wollte nicht recht schmecken. Ich habe zwar die Arbeit in der Bücherei wieder aufgenommen, hauptsächlich auf Drängen der Chefin, die versichert hat, ich müsse mich an keine Vorschriften halten, selbst wenn alle anderen es tun. Im Büro, für mich allein, habe ich Zeit, wieder etwas Luft zu schöpfen. Der Weg dorthin aber, ein paar Kilometer mit dem Rad, hauptsächlich auf Waldpfaden, ist eine Tortur. Nicht dass mich jemand wegen der fehlenden Maske anspräche, o nein. Das wäre mir auch gar nicht recht; ich ertrage den Anblick von Menschen nicht mehr und meide es, meinerseits gesehen zu werden. Ich und die Menschen, wir sind ein geschiedenes Paar.

Das hat eine vieljährige Vorgeschichte früher Traumatisierung, dem Kontakt mit korrupten Ortsbehörden, zerrüttetem Sozialwesen und boshaften persönlichen Versuchen der Existenzauslöschung; keine Begegnung hier im Dorf ist frei von Schwierigkeiten. Stetig schwebt das Damoklesschwert der Ausweisung über unseren Köpfen, der Wettstreit zweier Mafiaverbände, der indischen und der westlichen Seilschaften in ihrem Kampf um finanzielle Vorteile und Macht. Ich könnte natürlich versuchen, die positiven Seiten der Welt zu sehen. Warum ich es nicht positiver zu sehen versuche? Warum ich nicht anderswo neu anfange? Warum ich nicht… ? – Es fehlt mir inzwischen wohl der nötige Glaube, dass das Gras anderswo grüner ist. Wie gesagt, da gibt es eine lange Vorgeschichte, aber sie spielt für das, was ich zu sagen habe, auch keine Rolle. All wir Einzelfälle mit unseren menschlichen Problemen, unseren Vorlieben und Abneigungen, unseren Meinungen, Einsichten und Erkenntnissen: Über unsere Funktion als Konsumenten, Arbeitnehmer, Steuerzahler, Kanonenfutter hinaus spielen wir doch schon lange keine Rolle mehr in der Art, wie unsere Welt gesehen bzw. behandelt wird. Wir sind lediglich die Objekte von Erfassung und Kontrolle, generische Zugehörige statistisch erfassbarer Normgruppen. Ge-gender-t, risikoevaluiert, etikettiert, einsortiert, dirigiert, manipuliert, abserviert.

Neue Barbarei

Corona setzt dem Ganzen lediglich – der Name sagt es schon – die Krone auf. Der Corona-Staat, kaum ein Intellektueller versäumt es zu erwähnen, spült endlich nach oben, was so lange unter die gesellschaftliche Oberfläche gedrückt war: allerhand toxischen Müll, Raubgut, nach Luft schnappende Terroropfer, angefressene Wasserleichen, Ängste und Traumata, verkorkste Biographien, gestohlene Träume, verlorene Daseinsmächtigkeit, abgedankte Freiheit. Hinzu kommen kodifiziertes Unrecht, strukturelle Gewalt und ein Berg an epistemischem Ballast, die unsere Gemeinwesen in unreformierbarer Starre festhalten. Ob ich über Deutschland, Indien oder von mir aus Mexiko schreibe, kann man in solchen Zusammenhängen kaum unterscheiden.

Der erhobene Zeigefinger für alle ohne Maske
Maßnahmenwerbeplakat der Stadt Berlin

Viele Worte, die, kurz gesagt, erklären sollen, weshalb mir inzwischen das Vertrauen in die menschlichen Bindungsfähigkeit, das manifeste Sozialwesen und – ja, auch – in die spezifischen Individuen, die mich umgeben, entglitten ist. Mir ist die Lust vergangen, noch irgendjemand zu sehen, die Freude verloren, zu hören, was mit Diesem oder Jenem gerade los ist. Denke ich an die großen Namen unserer Zeit – Leute aus Musik, Philosophie, Politik, Wissenschaft etc. – dann ist mir lieber, sie halten den Schnabel, denn was da bei fast allen herauskommt, beleidigt den Verstand. Es bleibt ja nicht beim Aufruf zur Ächtung Andersdenkender und der Forderung nach härteren Maßnahmen gegen die „Leugner“, sondern jede noch-so-blöde sozialbarbarische Phantasie wird ohne große Skrupel baldigst umgesetzt… und die gesamte etablierte Medienlandschaft mit ihrer Lügen- und Lückenpresse, bietet der Hysterie auch noch eine Plattform. Betrachtet man die Berner Protestaktion “Schwarze Wahrheiten” vom 31.10.2020, so hat der Maßnahmenstaat in wenigen Wochen manch satirische Übertreibung per Dekret überholt. Und dann sind da noch die nicht-staatlichen ‚Maßnahmen’. Eine Freundin aus Berlin schreibt: 

“Vorgestern bin ich tatsächlich das erste mal in meinem Erwachsenenleben im Park von einem aggressiven aber dabei irgendwie auch berechnenden Mann körperlich angegriffen worden. Danach hab ich etwas herumgehorcht und tatsächlich ist es meiner Mitbewohnerin ganz ähnlich auch passiert. Die Freundin einer anderen Bekannten wurde in der U-Bahn geohrfeigt; eine andere wurde im Supermarkt wegen der Abstandsregeln angeschrien. Die Leute hier fangen langsam an durchzudrehen.“

Doppeldenk

Da ist ein archaisches, mit meiner Weltsicht inkompatibles Menschenbild am Werk: nicht autonome, daseinsmächtige, mit Würde ausgestattete, in liebende Gemeinschaften eingebettete Individuen gestalten selbstverantwortlich ihr Leben, sondern angstgetriebene, zu vernünftigen Entscheidungen unfähige Untertanen einer Regierung, die sie zu ihrem eigenen Besten am Gängelband halten muss, üben sich als selbsternannte Wächter des status quo in vorauseilendem Gehorsam. Reale Gefahren sind obskuren statistischen Risiken gewichen, die willkürlich festgelegten Gruppen anhaften, dein Nächster ist immer auch ein Dein-Leben-Gefährdender, Denunziation ist Bürgerpflicht, Kindergeburtstage werden als kriminelle Versammlungen aufgelöst. Wie schnell der Umschwung vor sich ging, ist allein schon erschreckend, denn für die aus dem Dritten Reich bekannten Phänomene galt ja bisher kategorisch: NIE WIEDER! Bereits Anfang Mai aber, sechs Wochen nach Beginn der Ausgangssperre, schrieb meine Mutter aus dem Schwarzwald: 

„Mein Physiotherapeut, der mit einem Polizisten befreundet ist, hat mir berichtet,  dass in [der Kreisstadt] jeden Tag 1000 Personen anrufen, um Freunde, Verwandte, Nachbarn und Bekannte zur Anzeige zu bringen – wegen Corona-Fehlverhalten!“

George Orwell's 1984
George Orwell’s 1984

Freiheit und Menschenwürde sind in den Augen eines nicht geringen Teils der Bevölkerung keine unveräußerlichen Rechte mehr, sondern Privilegien, die man sich durch Anpassung verdienen muss – und sich so gleichzeitig ad absurdum führen. Damit befinden sich diese Werte in bester Gesellschaft mit weiteren Begriffen, die der Neusprech auf den Kopf gestellt hat und für den altmodischen Humanisten nur noch in Gänsefüßchen verwendbar sind: Haltungsjournalismus firmiert als „Berichterstattung“, Nazis kommen als “Antifa” daher, Misanthropen posieren als “Philanthropen”, der „Verfassungsschutz“ spioniert Bürgerrechtler aus, unter “Solidarität” versteht man Zwangskonformität, „Entwicklungshilfe“ treibt ganze Kontinente in die Armut, “humanitäre Intervention” steht für Völkermord, Genmanipulation nennt sich nun “Impfung”, gebärende Mütter mit Masken zu foltern gehört zur “Gesundheitsvorsorge”, das Verordnungsregime gibt sich als “Demokratie” aus, Pöbelherrschaft geriert sich zur “Zivilcourage”, der Mittelfinger wird zum “Zeigefinger”… So könnte ich noch stundenlang weitermachen und damit buchstäblich ein ganzes Wörterbuch füllen – das neoliberale Falschwörterbuch, von dem schon in früheren Artikeln die Rede war.

Wer sich an George Orwell erinnert fühlt, braucht längst nicht mehr befürchten, den Vergleich zu überdehnen. Klarer und offensichtlicher kann man die Dystopie kaum noch manifestieren. Im Roman „1984“ schreibt er:

„[Das Wort ‚Schwarzweiß‘] besitzt, wie so viele Neusprechwörter, zwei einander widersprechende Bedeutungen. Einem Gegner gegenüber gebraucht, meint es die Angewohnheit, im Widerspruch zu den offenkundigen Tatsachen impertinent zu behaupten, Schwarz sei Weiß. Einem Parteimitglied gegenüber gebraucht, bedeutet es die loyale Bereitschaft zu sagen, Schwarz sei Weiß, wenn die Parteidisziplin dies verlangt. Aber es bedeutet ebenfalls die Fähigkeit zu glauben, daß Schwarz Weiß ist, und darüber hinaus zu wissen, daß Schwarz Weiß ist, und zu vergessen, daß man jemals das Gegenteil geglaubt hat. Dies erfordert eine ständige Veränderung der Vergangenheit, die durch jenes Denksystem ermöglicht wird, das eigentlich alles übrige in sich schließt und das in Neusprech den Namen Doppeldenk trägt.“ – George Orwell: 1984, Ullstein-Verl., i.d.Übers.v. Michael Walter.

Der später eingeführte Fachbegriff für „Doppeldenk“ lautet kognitive Dissonanz.

De-Coronifikation

Hier stellt sich die Frage, wie ein neues Miteinander nach Corona – vorausgesetzt der Alptraum nimmt ein gutes Ende – überhaupt zustande kommen kann, nachdem ein solch massives Abrutschen in die Barbarei durch praktisch alle staatlichen, sozialen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Institutionen, insbesondere aber durch so viele Mitmenschen mitgetragen wurde. Wie kann man dem beliebigen Nächsten wieder jenen Vertrauensvorschuss geben, den es zum Aufbau einer Beziehung braucht, wie den Tätern wieder in die Augen blicken, von denen man weiß, dass man in ihrer Welt lediglich als Objekt existiert?

Ich habe meine Zweifel, dass es mit einem ‚Schwamm drüber‘ getan ist, denn Schopenhauers Bemerkung, dass „vergeben und vergessen heißt, kostbare Erfahrung zum Fenster hinauszuwerfen“, kann ich nicht von der Hand weisen. Der Vergebung muss Erkenntnis der eigenen Verfehlungen und darauf folgende Reue vorausgehen. Es gehört die Bereitschaft dazu, für das eigene Tun Verantwortung zu übernehmen, Strafe zu akzeptieren, Buße zu tun, Wiedergutmachung oder zumindest Schadensbegrenzung zu leisten. Dann, und nur dann, darf vergeben werden, aber besser nie vergessen. Wir dürfen uns nicht gestatten, wie nach dem Desaster des Dritten Reiches den Mantel des Schweigens um Volkes Rolle im Massenmorden zu hüllen, denn damals sind die historischen Traumata hunderter von Millionen Menschen in dutzenden Völkern tief in der individuellen und kollektiven Psyche begraben blieben. Weil sie nie wirklich aufgearbeitet worden sind, schwelten sie unter der Oberfläche scheinbar geläuterter Seelen weiter, beeinträchtigten das Weltbild von drei, vier Folgegenerationen und verschafften sich während der sogenannten Pandemie Ausdruck in einer Massenhysterie, wie es keine zweite in der Geschichte gegeben hat. Die Entnazifizierung, die 1945 ff. im Strafrechtlichen versandet ist, sie muss in unserer Gegenwart nachgeholt werden.

Entnazifizierung heute bedeutet De-Coronifikation. Ohne einen weiteren Prozess nach Nürnberger Vorbild – und wegen der Symbolik (Tribunal und Kodex) sollte er tatsächlich in Nürnberg stattfinden – ist eine glaub- und vertrauenswürdige Wiederherstellung des gesellschaftlichen Zusammenhalts schlicht unmöglich. Die Ungeheuerlichkeit des Geschehens verlangt nach lückenloser Aufarbeitung, während die Verantwortlichen für das schlimmste Massenelend der Menschheitsgeschichte zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Der Durst nach Rache, der Schrei nach Kreuzigung exponierter Vertreter des Corona-Regimes darf den Prozess jedoch auf gar keinen Fall leiten; es soll keine Siegerjustiz werden. Wie nun eindrücklich vor Augen geführt, war mit dem Tod der Nazi-Granden, selbstgewählt oder am Galgen, das Gespenst des Faschismus keineswegs gebannt, sondern konnte als erklärter Anti-Faschismus, als Demokratur in voller Glorie zurückkehren. Ziel eines Tribunals sollte die Aufklärung der Bevölkerung über ihre eigene Rolle beim Entstehen der Tyrannei sein. Natürlich muss dringend auch dafür gesorgt werden, dass die Hauptcharaktere im Corona-Betrug an weiterer Agitation dauerhaft gehindert werden. Unmittelbar danach jedoch beginnt die eigentliche Aufräumarbeit: Unsere Sprache, unsere Institutionen, unsere Gesetze und Spielregeln, unsere Wirtschaft und die Währung, unsere internationalen wie auch unsere persönlichen Beziehungen, unser Verhältnis zu Technik und Ernährung und unser Gebrauch von Kunst, Medizin, Wissenschaft – im Grunde einfach alle Elemente des Daseins – gehören auf den Prüfstand. Es geht um eine vollständige Revolutionierung unserer Lebensweise, deren Kern die Aufarbeitung unserer Traumata sein muss: das persönliche Nürnberg eines jeden Einzelnen von uns.

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