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Etwas ausführlichere Antworten auf einige Fragen in den Kommentaren:

Bezüglich Konsens: Mir fällt einfach keine Möglichkeit ein, mit der beide Seiten glücklich würden.
Die Frage nach Konsens oder Demokratie. Ein paar grundlegende Dinge habe ich dazu ja bereits geschrieben. Konsensentscheidungen sind in Deutschland weitgehend undurchführbar, da wir stets in einem Konkurrenz-Konflikt mit allen anderen Menschen stehen, von denen jeder seine eigenen, festen Vorstellungen hat, die er natürlich auch durchdrücken will. Konsensentscheidungen bedürfen einer anderen Art des Denkens, nämlich dass es nicht um meine Vorstellung oder meinen Willen geht, sondern um das größtmögliche gemeinsame Wohl und dass am Ende eine Entscheidung stehen MUSS, die jeden befriedigt. Der Prozess bedarf mehr Zeit als eine Abstimmung, aber das muss man halt einfach einplanen. Die Sorte „dringend/eilig“ wie im Westen gibt es hier ganz einfach nicht. Kein Stockmarket, kein „die Konkurrenz schläft nicht“ oder was auch sonst immer Druck verursacht. Man arrangiert das Leben so, dass man derartige Nachteile der westlichen Gesellschaften vermeidet.
Wie eine Entscheidung in den von dir beschriebenen Phantasiefällen aussähe, kann ich natürlich nicht sagen. Ich bin nur ein Einzelner. Die Fragen, die während eines Entscheidungsprozesses geklärt werden müssen, lauten u.a.:
– Was ist laut unserer Grundlagen (z.B. 4-Punkte-Charta, der Traum von Auroville oder konkrete Regelungen für bestimmte Bereiche) langfristig wichtig? Wie sähe eine Ideallösung in diesem Falle aus?
– Welche Argumente dienen persönlichem Interesse, welche dem allgemeinen?
– Welche außer den offensichtlichen entweder-oder-Lösungen gibt es noch?

Welche Widersprüche gibt es denn so? Und von wem kommen die Hinweise dafür?
Nach Krishnamurti ist jede Vorstellung von der Zukunft oder allgemein idealen Zuständen bereits dazu verurteilt Konflikt zu verursachen, denn es kommt natürlich nie so, wie man das gern hätte.
Um aber mal ein paar konkrete Beispiele aus Auroville zu nennen:
– Geld spielt immer noch eine wichtige Rolle. Es ist innerhalb Aurovilles nicht abgeschafft, sondern zirkuliert nur virtuell.
– Regeln sollten so wenig wie möglich aufgestellt werden, und doch grassiert gerade die Regulierungswut.
– Auroville ist als grüne Stadt angedacht worden. Vom Zentrum aus kann man mit dem Rad in maximal 15 Minuten in jedem Winkel gelangen, aber es fahren hauptsächlich Motorräder rum.
– Es gibt scheints ein paar Leute, die es sich mit Westgeld bequem gemacht haben.
usw.
Enttäuscht sind sowohl „alte“ Einwohner, die andere Zeiten erlebt haben, als auch Neulinge, die meinen, hier ein Utopia mit lauter erleuchteten Menschen drin vorzufinden. Auroville ist jedoch „nur“ ein Ort für freie Entwicklung, in der der Einzelne seinen Beitrag leisten muss damit der Traum gedeiht. Man sollte nicht die Fehlentwicklungen bedauern und es hilft auch nichts, wenn man die Leute zu zwingen versucht sich „richtig“ zu verhalten. Das ist die Denke von Staatsbürgern.
Es kommt vielmehr darauf an, was man selbst zum Voranschreiten beiträgt. Wer darauf wartet, dass andere, besonders die Obrigkeit, in seinem Sinne handeln, hat schon verloren.

Dürfen im Stadtzentrum keine Teerstraßen gebaut werden? :O
Bis jetzt hat man das vermieden, damit
– der Verkehr sich langsamer bewegt
– weniger Autos reinkommen
– das Regenwasser schneller versickert
– kein Schutt-Abfall entsteht
– die Produktion von umweltschädlichem Belag reduziert wird
– es einfach schöner aussieht 😉
Einzelne Abschnitte wie z.B. vor Kindergärten und Schulen werden jetzt gepflastert, damit weniger Staub aufgewirbelt wird. Ansonsten ist man allgemein mit dem Straßenzustand zufrieden.

Versorgungsverhältnis 1:6 – War das überhaupt auf Familien bezogen?
Das Verhältnis gilt für indische Familien. In Auroville sind diesbezügliche Planungen gesamtgesellschaftlich zu sehen, d.h. circa einer von sechs Einwohnern würde mit seiner Tätigkeit für die Aufrechterhaltung der Außenwirtschaftsbeziehungen und damit für Geldumsatz sorgen. Die anderen arbeiten ebenfalls, aber eben innerhalb der lokalen Ökonomie. „For the benefit of all“.

Wie wollen sie denn die Motorradfahrer dazu bringen, den schnelleren Weg zu Gunsten einer langsameren Beförderung aufzugeben, ohne Sanktionen zu erheben?
Zum einen, wie schon mehrfach erwähnt, liegt „richtiges“ Verhalten in der Verantwortung des Einzelnen und ist daher mit fortgeschrittenem Bewusstsein verknüpft. Auroville fördert das auf vielfache Weise; im Prinzip schon, wenn du eine Yoga-Klasse besuchst. Das gesamte Siedlungsprojekt kann nur Erfolg haben, wenn seine Bewohner aus freien Stücken im Geiste der 4-Punkte-Charta handeln und eben nicht nur Regeln befolgen.
E-bikes können kostenlos „tanken“. Fahrrad- und Fußwege werden durchgehend im Schatten angelegt und sollen demnächst besser befestigt werden. Optisch sollen sie noch schöner werden und es wird Servicestätten geben. Die Motorstraßen werden immer weniger gepflegt und bleiben zumeist unbefestigt, dafür werden die Umgehungsstraßen ausgebaut. Viel Verkehr ist nämlich Durchgangsverkehr der Tamilendörfer. Wichtige Anlaufstellen für Kraftfahrer wie z.B. Werkstätten und Tankstellen sollen an der Peripherie gehalten werden. Es wird über Boni für Radfahrer nachgedacht. usw. Wir sind in der Stunde mit Taj nicht übermäßig ins Detail gegangen, aber man konnte schon sehen, worauf die Stadtentwicklung abzielt.

Kommentar: War spannend, hier die genaueren Erklärungen durchzulesen. Aber für mich klingt es immer wieder beeindruckend, dass sich die Leute so viel Selbstdisziplin ohne Sanktionierung auferlegen. Ich wünschte mir, dass das im größeren Maßstab funktionieren würde. Hat was von Star Trek.

Oh, hier gibts mehr als genug Leute, die dem inneren Schweinehund erliegen. Der Aurovilian way of life muss von innen kommen. Man kann ihn nicht erzwingen, nur lebenslang üben. Und wir sind ja auch nicht hier um uns zu quälen. Insofern gehts schon recht menschlich zu, nur eben mit deutlichem Einschlag.

Kommentar: Wenn eventuelle Boni für Fahrradfahrer eingeführt werden, ist das im Prinzip nicht eine umgekehrte Sanktion für Motorradfahrer? Wie gesagt, Auslegungssache eventuell, aber deine Meinung würde mich abschließend noch interessieren 🙂

Es ist nur dann Auslegungssache, wenn jemand sich benachteiligt fühlen will. Menschen, die sich als Opfer sehen bzw. das Leben als Konkurrenzkampf auffassen, sind vielleicht anderswo besser aufgehoben als in Auroville.
In der Verkehrsplanung hält man es hier, wie in vielen Dingen, mit Gandhi. Gandhi war nicht gegen die Herrschaft der Engländer, er war für das Recht der Inder auf Selbstbestimmung. Das sind zwei völlig verschiedene Paar Stiefel. Damit einher geht eine Haltung, die (statt Kriegführung gegen etwas Missliebiges zu betreiben) die Zuneigung zu einer Sache betont.
Ich weiß nicht, ob das für dich nachvollziehbar ist. Die geistigen Grundlagen Aurovilles widersprechen dem meisten, was wir aus Deutschland gewohnt sind.

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