Der Beobachter

Der Beobachter

Normalerweise vergesse ich selbst die kuriosesten Traumerlebnisse in Sekundenschnelle, was so weit geht, dass ich häufig der Überzeugung bin, in der jeweils vergangenen Nacht überhaupt nichts geträumt zu haben.
Vor einer Woche hatte ich einen seltsamen Traum. Wie gewohnt ist von den Handlungssträngen desselben praktisch alles sofort verblasst, sobald ich mir der Situation bewusst geworden war. Das Seltsame war nur – ich befand mich zu dem Zeitpunkt noch in dem Traum.
Er war neu. Absolut sicher. Inhalte gehen mir verloren, aber Situationen, prägnante Einzelbilder und vor allem Stimmungen bleiben irgendwo passiv abgespeichert. Das hier – nie gesehen.

Ich befand mich auf einer Zitadelle, gefühlsmäßig im China des 19. Jahrhunderts. Ich weiß nicht, was ich dort suchte. Ob ich dahin verschleppt worden bin, illegal eingedrungen, zufällig dorthin verschlagen – sicher ist nur, ich hätte dort nicht sein dürfen, und: es war wichtig. Es muss wohl der Zeitpunkt gekommen gewesen sein, sich aus dem Staub zu machen, denn ich befand mich auf dem Weg in die Unterstadt, als ich von der Besatzung der Zitadelle entdeckt worden bin – bayonettbewehrte Karabiner, Stiefel, braune Uniformen, darüber Schildmützen, wie Fidel Castro sie trägt. Zwischen Kragen und Mütze grinsten Totenschädel… -Masken. Alle Soldaten trugen Totenschädelmasken. Diese konnten nicht verbergen, dass ihr eigentliches Gesicht selbst nur aus blankem Knochen bestand. Skurril.
Und diese Kohorten jagten mich nun durch die engen, schummrigen Gassen der befestigten Unterstadt, in der alles schön in Holz und Stein erbaut war. Was ich auch tat, ich konnte sie nicht abschütteln. Schließlich entdeckte ich einen Spalt zwischen den Häusern, drang ein und befand mich in einem Labyrinth holzgetäfelter Gänge. Ich zog mich in einen der angrenzenden, kleinen fensterlosen Räume zurück und schloss die Tür hinter mir zu, um der Dinge zu harren, die nun kämen. Zum Weiterrennen war ich zu erschöpft. Schritte näherten sich, blieben vor meiner Tür stehen, machten sich am Griff zu schaffen. Was nun kommen würde, war sonnenklar. Sie würden das Schloss aufbrechen, mich rausziehen und kurzen Prozess machen.

Die Tür flog auf. Doch statt an vertikalen Angeln (wie ich eingetreten war) öffnete sie sich wie eine Ofentür nach unten. Ein Typ mit halblangen Haaren und modischer Kleidung steht davor, schaut rein und meint genervt: “Ah, war klar.” Dreht sich um und geht weg.
Als ich heraustrete, befinde ich mich in einer Zeitungslayoutredaktion des 21. Jahrhunderts, die gerade eine Sonderausgabe über die politische Neuordnung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg vorbereitet. Computer, Leitungen, Probedrucke am Boden, an den Wänden und auf allen Tischen. Niemand nimmt von mir Notiz, während ich über Schlagzeilen und Landkarten dem Ausgang zustapfe.
Das Ende der Geschichte ging wie ihr Anfang im Nebel des Vergessens unter.
Was geschieht hier?

1.) Ich wusste, ich bin in einem Traum. Da passieren schon mal krasse Dinge. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie so einen unpassenden Schnitt drin hatte. “Unerwartete” Wendungen kündigen sich üblicherweise an und werden zig mal durchgespielt, um einen akzeptablen Übergang hinzubekommen, bevor ich endlich durch sie durch bin.
2.) Der Vorgang gewinnt an Bedeutung dadurch, dass mir der Mittelteil eines Traumes am nächsten Morgen in voller Deutlichkeit vor Augen steht. Ein weiteres Novum.
3.) Ein Eindruck, der sich mir bereits in der Nacht aufgedrängt hat, ist ebenfalls neu: Es gibt in mir eine Instanz, die getrennt vom Drehbuchautor des Traums, das Geschehen observiert. Ich nenne sie einmal den Beobachter, angelehnt an Krishnamurtis Vorstellung von einer vom Denken unabhängigen Ebene in uns. Ich habe bisher bezweifelt, dass eine solche Instanz, die vermutlich die selbe Infrastruktur benutzt wie das Denken, wirklich frei sein kann. Aber hoppla, hier haben wir den Beweis. Sie schaut zu, ohne Einfluss auf die Handlung zu haben und auch ohne diese zu bewerten.
4.) Es war mir, als ich sie auswählte, vorher nicht bewusst gewesen, aber ein paar Tage später liegen drei Bücher auf meinem Tisch (von Sri Ramana Maharshi, Ken Wilber und Sri Aurobindo), die alle drei, verborgen zwischen vielen anderen Erkenntnissen, eben diese Tatsache hervorheben.
Wenn es denn eine gibt, so denke ich, war dies die eigentliche Botschaft

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