Kopflos

Kopflos

Wer die südindische Kultur kennenlernen möchte, sollte sich dieser Tage ins Nachtleben von Kuilapalayam stürzen. Die letzten Monate erhitzten sich die Gemüter noch über diesen aus dem TV bekannten Guru, der in einen Sexskandal verwickelt ist, doch gestern Nacht hat man endlich mal wieder alte Geschichten aufgewärmt. Ein Mann wurde gejagt, erwischt und zur Strecke gebracht. Er wurde seiner Extremitäten entledigt, den Kopf nahm man mit, den Rest ließ man liegen. Er war wohl irgendwie in eine Angelegenheit verwickelt, die vor zwölf Jahren mit einem umstrittenen Cricketspiel begonnen hatte und seither Jahr für Jahr Tote fordert. Vor zwei Jahren beispielsweise ist jemand auf offener Straße in Gegenwart eines Busses voller Kinder ermordet worden. Kurioserweise will keins der Kinder irgendwas davon gesehen haben.
Diese tamilische Mischung aus Blutrache, Hooliganism und Bandenkrieg wird zudem noch angheizt durch ein lokales Festival für die Göttin Kali. Das Ereignis sorgte jedenfalls dafür, dass viele Geschäfte geschlossen blieben und auch bis nach der Bestattung bleiben. Alles ist voller Polizisten, denn für die kommenden Tage werden offene Auseinandersetzungen befürchtet. Von der Benutzung der Straße zwischen Auroville und dessen Strand ‘Repos’ wird abgeraten.
Alle städtischen Dienste sind ebenfalls eingestellt worden, weil der Leichnam in der Townhall untergebracht worden ist. Schlecht für Kevin, der morgen in aller Frühe Auroville verlassen muss. Er kommt nun nicht mehr an sein Geld auf dem Financial Service Konto ran.

Na ja. Neuigkeiten, die außerhalb Aurovilles niemand aus den Socken reißen.
Von den internationalen Nachrichten dagegen bekomme ich seit Anfang April nichts mehr mit. Island, ja, das drang zu mir durch. Wie kann es anders sein, wo hier doch so viele Europäer auf die Flugverbindung angewiesen gewesen wären. Ich könnte natürlich im Netz mitlesen oder ich könnte A.s Emailzusammenfassung nutzen. Aber ich will nicht. Außer Unterhaltungsdünnschiss und Lügen über Finanzkrisen, politische Schweinereien und selbstverschuldete Katastrophen haben die Medien nichts zu bieten. Es ergibt keinen Sinn, sich die ewig selben “Informationen” reinzuziehen, solang man eh nicht vorhat, darauf zu reagieren. Wenn jemand auch nur einen Furz auf das Weltgeschehen gibt, dann sollte er, statt zuhause im Sessel zu hängen, rausgehen und ranklotzen. So wie seinerzeit, als die Elbe über die Ufer getreten ist.

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