Jetzt im Ernst?

Jetzt im Ernst?

Eine Ameise wandert einsam die Ameisenstraße hinunter, als eine Kuh ihren Weg kreuzt. Während das mächtige Tier über das Insekt hinwegsteigt, fällt ein kapitaler Fladen herab und begräbt die Ameise. Als diese sich nach Stunden wieder aus dem Dreck herausgearbeitet hat, schimpft sie: „So eine Gemeinheit! Genau ins Auge!“

Worum geht diese Diskussion eigentlich? Ob Soldaten töten dürfen? Oder ob Taliban keine Menschen sind und ihnen daher das im Grundgesetz verbürgte Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit nicht zusteht? Oder ob „Kollateralschäden“ in der Zivilbevölkerung halt einfach dazugehören? Oder ob es Menschen erster und zweiter Klasse gibt: Solche, die Staatsbürger sind, und solche die es nicht sind. Solche, die sich der FDO verpflichtet fühlen, und solche, die nach ihren eigenen Regeln leben. Solche, für die das Recht auf Leben gilt, und solche, für die es nicht gilt.

Wie verrottet muss man sein, um einen Krieg zu unterstützen, der bereits Millionen von Toten, Hunger, Vertreibung und Verstümmelung bewirkt hat. Alles im Namen von Frieden und Demokratie. Alles in meinem und eurem Namen. Kein Taliban-Regime, kein Bin-Laden hat auch nur 1 Promille des Schadens angerichtet, den westliche Truppen jeweils über Irak und Afghanistan brachten.

Wir reden hier nicht von einem juristischen Fall – z.B. wen die Bundeswehr mit welchen Mitteln angreifen darf – und auch nicht von einem technischen Problem – wie ein „Präsizisionsschlag“ auszuführen sei, damit man „nur“ Taliban tötet.
Wir reden von einem Abschlachten von Menschen, Angehörigen unserer eigenen Gattung, in industriellem Maßstab. Tag für Tag 4-500 Personen. Pro Kriegsregion. Streubomben, Sprengfallen, Flächenbombardements, Angriffe auf Dörfer. Welche Bedeutung kommt da einem einzelnen Akt wie der Sprengung gekaperter Tankwagen zu?

Ich höre Leute hierzulande von einer „Tragödie“ sprechen, als hätten die Piloten versehentlich den Bombenschacht geöffnet.
Oder von einem „Fehler“. Man kann sich ja mal verkalkulieren. Irren ist menschlich.
War sich irgendjemand nicht bewusst, dass die Aufnahme des Kampfes gegen den „Feind am Hindukusch“ Opfer fordern würde? Wurde der Bundestag arglistig darüber hinweggetäuscht, dass unsere Kampfflugzeuge Projektile statt Lebensmittelpakete abwerfen?

Weder Politikern noch Militärs nehme ich ihre Betroffenheit ab. Ihre Krokodilstränen sind Kameras geschuldet. Der Fernsehzuschauer verlangt etwas Herzerwärmendes, sonst geht ihm womöglich noch vor der Wahl auf, welch kalte Berechnung hinter dem Millionentod in Vorder- und Zentralasien steckt. Dann könnte der Krieg, der eigentlich vom Inlandsgeschehen ablenken sollte (ganz zu schweigen vom enormen PROFIT, der sich ziehen lässt) seine politischen Verursacher treffen.

Keiner von denen, die für den bewaffneten Out-of-Area-Einsatz gestimmt haben, und keiner von denen, die ihn noch immer befürworten, darf sich Frieden und Freiheit auf die Fahnen schreiben.
Wer wirklich Frieden will, der zieht nicht in den Krieg. Er wird Waffengebrauch jeder Art ablehnen, und vor allem wird er es ablehnen, andere Länder zwangsweise mit seinen „Errungenschaften“ zu beglücken, seien sie nun christlich, sozial, liberal oder grün. Was diese Werte angeht wäre zuerst im Inland einiger Nachholbedarf zu decken, wäre zu beweisen, dass mehr als hohle Phrasen unser Land regieren. MG-Feuer in Kabul oder Hartzgesetze in Düsseldorf – beides entspringt der selben Wurzel: Menschen sind entmenschlichte Zahlen im Kalkül.

Und was mich angeht – für mich ist dieses Pack völlig unwählbar.
Sicher, Politiker sind genau so Opfer des Systems wie ich. Eines Systems, das uns zu ständiger Gewinnoptimierung, zu Vorteilsnahme, erbarmungslosem Konkurrenzkampf und jeglicher Art von Korruption treibt.
Politiker sind jedoch auch Gestalter der Gesellschaft, genau wie jeder von uns. Wir sind nicht nur Objekte gleichgültiger Mechanismen, sondern auch handelnde, Entscheidungen treffende Subjekte. Als solche können wir uns von scheinbaren Sachzwängen lösen, Wertmaßstäbe neu einschätzen, Freiheit im Handeln gewinnen. Es liegt durchaus in unserer Macht – nicht im übertragenen Sinne, sondern wörtlich für jeden Einzelnen gültig – mit jedem Handgriff eine Entscheidung für oder gegen den Krieg zu treffen. Über jede Form von Konflikt überhaupt. Es ist doch noch gar nicht so lang her, da riefen wir: WIR sind das Volk.

Solange wir aber einkaufen wie die Weltmeister, brav unser Arbeitssoll erfüllen, wortlos wählen gehen, ohne Widerspruch die Zeitung lesen, unsere Kinder zum Bund schicken, unsere Individualität pflegen und uns ansonsten nicht drum scheren, wo unsere Klamotten herkommen, wird die Kuh immer wieder zufällig das Auge der Ameise treffen. Und die kann froh sein, dass sie angesichts der ganzen Scheiße um sie herum überhaupt noch am Leben ist.

Kommentar von F.:  Ich weiß dass ich nichts weiß.
Hab aber auch keine Lust mit nem Taliban darüber zu reden.
Die Welt ist schlecht und ich hab keine Ahnung was wirklich abgeht.
Muß mich auf Berichte verlassen.
Welcher Seite glaube ich?
In unserer Informationsgesellschaft gehts uns kaum besser als den Analphabeten im Mittelalter.
Wir müssen auch glauben, was man uns erzählt.
Oder wir glauben garnichts mehr, schränken unsere Meinungen und Aktivitäten auf den engen Kreis unserer reinen, persönlichen Erfahrungen ein und begeben uns wieder auf die Bäume.

Man muss sich nicht unbedingt mit jedem unterhalten haben. Vor allem nicht mit verärgerten Leuten mit Waffe in der Hand. Berechtigt uns aber noch lang nicht, Andersdenkende übern Haufen zu knallen. Und wenn sich hiesige Politiker jetzt verstärkt Sorgen um Anschläge machen – selbst verschuldetes Elend.

Wohl wahr. Was wissen wir schon von Dingen, die wir nicht selbst gesehen haben? Der Witz ist aber, dass das Wissen um diese Dinge benutzt wird, das Handeln von Menschen zu beeinflussen.
Dabei ist es für uns völlig irrelevant, was passiert oder vorgetäuscht wird. Ändert sich unser Denken nach einem Flugzeugabsturz, einer Parlamentswahl oder einem Attentat? Zumindest nicht, wenn wir starke Grundsätze haben, an denen wir unser eigenes Handeln ausrichten. Ein Menschenleben bleibt ein Menschenleben, vorher, nachher, hier, dort, weiß oder gelb. Man kann drauf spucken. Heucheln und Haare spalten aber nicht.

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