Wenn man die Augen ein bisschen offen hält, fällt auf, wie sehr sich der Gebrauch deutscher Sprache gerade wandelt.
Sicher, die Zeiten ändern sich, die Sprache ebenfalls. Was meine Eltern „toll“ fanden, war für mich „cool“ und für die nächste Generation wiederum „geil“. Aus dem Neger wurde ein/e maximal pigmentierte/r Mitbürger/In; auf dem Bett im Kornfeld zog sie sich irgendwann aus, die kleine Maus und machte sich nackig.
Hier haben sich nur Wörter, Bezeichnungen geändert. Tassen und T-Shirts kommentieren dies mit same shit, different name. Menschen benutzen solche Techniken, um eine Veränderung zu suggerieren, wo keine stattgefunden hat. Es ist eine klassische Verschleierungstaktik.
Natürlich machen sich gewissenlose – manche nennen sie ehrgeizige – Genossen auch diese Technik zunutze, um darüber hinwegzutäuschen, wes Geistes Kind sie eigentlich sind.
Aber das meine ich eigentlich nicht. Es gibt ein anderes Phänomen, und das ist die Verdrehung von Wortbedeutungen. Ich hatte das mal im Zusammenhang mit „Demokratie“, „Republik“ und „freie Marktwirtschaft“ angedeutet. Der Wolf im Schafspelz setzt derzeit auf die Beibehaltung altbekannter Wörter, die eine lexikalische und eine volkstümlich mitschwingende Bedeutung besitzen.
Er benutzt sie aber in einem neu definierten Sinn, der unter Umständen das genaue Gegenteil aussagt. Etwa, wenn ein Politiker von Freiheit spricht, aber Gebundenheit meint, so wie auf dem nebenstehenden Plakat. Als Mitglied hat man sich an Satzungen und Vorstandsbeschlüsse zu halten. Als Fraktionsmitglied unterliegt man dem Fraktionszwang und ist an ein gemeinsames Abstimmungsverhalten gebunden. Wo bitteschön wird da Freiheit gefördert?
Ganz nebenbei gefragt: Was macht Herr W. eigentlich, wenn tatsächlich Alle mehr vom vollständig aufgeteilten Kuchen wollen (aber natürlich keine kleineren Stücke)?
Und, wo ich schon auf thematischen Abwegen im finsteren Tal wandele, sei mir noch die kurze Anmerkung gestattet, dass ich jedesmal, wenn ich an einem dieser Plakate vorbeifahre, ein völlig anderes Bild im Kopf habe. Aber nun zurück zum Sprachwandel.
Neoliberale Wirtschaftstheoretiker tragen ebenfalls zur Inflation, zur Um- und Entwertung der Begriffe bei, wenn sie das Konzept des zyklischen Verhaltens, das so alt ist wie das Geld selbst, als „Fortschritt“ verkaufen, den jüngeren Keynes (um 1930) dagegen als unzeitgemäß brandmarken. Oder wenn jahrelange Reallohn- und Realrenten-Einbußen als „Aufschwung“ tituliert werden.
Selbst gebildete Menschen lassen sich oft durch solche Kniffe täuschen. Und je mehr Menschen den Un-Sinn glauben und weiter verbreiten, desto mehr Gültigkeit erhält er. Manche Dinge brennen sich regelrecht ein.
Dass der SPIEGEL, beliebtes Beispiel, „links“ sei, stimmt z.B. ja auch schon lange nicht mehr. Solange das Magazin eine Rolle beim Aufbau einer Gegenöffentlichkeit zur konservativ-biederen Nachkriegspolitik spielte, ja, da war er links. Aber heute?
Unter dem Deckmantel der Berichterstattung redet er dem Kapital das Wort, fordert unterschwellig zum Konsum und zur Berieselung mit TV-Dünnpfiff auf, hetzt gegen jeden, der dem westlichen Mainstream nicht Tür und Tor öffnet – allen voran China, Nordkorea, den Islam und systemkritische Gruppierungen – und lenkt mit seinen Artikeln insgesamt davon ab, das große Bild zu sehen bzw. wie es unser alltägliches Leben jetzt und in Zukunft betrifft. Dennoch glauben viele an den Mythos vom kämpferischen Blatt. Und dieses Blatt tut im eigenen Interesse einen Dreck, sie zu desillusionieren, sofern sie nicht von selbst draufkommen.
Es geht mir hier noch nicht mal um die deutlich zunehmende tendenzielle Berichterstattung des Spiegel. Noch nicht mal um den Spiegel selbst, denn exakt die selben als Information getarnten Sichtweisen aus der Wirtschaft finden wir überall: bei CDU, SPD, FDP, GAL, im NDR, ZDF, auf RTL, SAT1, in der FAZ, dem Tagesspiegel, der Financial Times, der Zeit, Bild usw usf.
Die können tun und lassen, was sie wollen. Das geht mich nichts an. Der Punkt ist, dass in praktisch allen Medien Begrifflichkeiten verzerrt, Wörter verdeckt neu definiert und in diesem neuen Sinn auch inflationär benutzt werden, während der Zuhörer oder Leser noch den klassischen Begriff im Kopf hat. Übrigens zeigt die Illusion unabhängig davon, ob sie von Medien vom Schlage der Bildzeitung oder der ARD verbreitet wird, fast immer in die selbe Richtung.
Stellt sich mir die Frage: Geht es diesen Medien um Aufklärung, und sei sie tendenziell?
Würde man das als ehrliche Kommunikation bezeichnen, A zu sagen und B zu meinen?
Kann eine sich als demokratisch definierende Gesellschaft Bestand haben, wenn wichtige Regulative wie die Presse bzw. auch Behörden selbst das Volk in die Irre führen?
Darf es akzeptiert werden dass sie sich kollektiv in den Dienst eines einzigen Meisters stellen?
Besteht möglicherweise ein Zusammenhang zwischen der Verdrehung von Begriffen sowie deren inflationärem Gebrauch einerseits, und Gleichgültigkeit, Verdummung und moralischer Verrohung andererseits?
Beispiel 1
Interview mit Gregor Gysi, 6.7.09
SPIEGEL: Wie viele Genossen kennen Sie in den Spitzengremien Ihrer Partei, die ihr Leben nicht im Öffentlichen Dienst oder als Gewerkschaftsfunktionäre verbracht, sondern selbst etwas zum Produktivvermögen des Landes beigetragen haben?
Er hat wohl recht, wenn man es aus Sicht einer ressourcenbasierten Wirtschaft betrachtet. Vieles, was im Dienstleistungssektor, besonders der staatlichen Verwaltung heute getan wird, ist kaum mehr als ökonomische Masturbation.
Aber das hat der Fragesteller wohl kaum im Sinn. Er unterstellt, dass ein Richter, ein Sozialarbeiter, ein Lehrer weniger Fähigkeiten zum Funktionieren der Gesellschaft beiträgt, als Angehörige anderer Berufsgruppen. Er unterstellt außerdem, dass die Mitglieder jener Partei insgesamt produktiv unvermögend seien, gleichwohl jedoch über Fragen der Produktion entscheiden möchten.
Ich hege ernsthafte Zweifel, ob der Schreiber überhaupt weiß, was ein Produktivvermögen ist, denn wie kann aus dem formalen Kriterium, dem Arbeitgeber, abgeleitet werden, wieviel Produktivvermögen ein Beschäftigter beiträgt? Die der Frage innewohnende Pauschalverurteilung sowohl des Interviewpartners als auch der Staatsbediensteten ist für ein Blatt dieser Stellung unerträglich und das gesamte Interview ein typisches Beispiel für den Pennälerstil, der in die deutsche Medienlandschaft Einzug gehalten hat.
Auf eine Gegenfrage Gysis stellt der Interviewer fest:
SPIEGEL: Der Anwalt Gysi gehört zweifelsfrei zu den produktiven Kräften des Landes.
…wodurch der Spiegelreporter schon wieder Begriffe verdreht. Diesmal mit dem Segen jener Marktwirtschaft, welche jegliche Dienstleistung dem Bereich der Produktivität zuweist, gleich, wie nützlich, überflüssig oder gar destruktiv ihr Wirken ist.
Ein anderes Beispiel:
Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution Bonn
Hier ein Auszug aus einer Information zur Unfallversicherungspflicht für Unternehmer:
Die Versicherung besteht kraft Gesetzes. Sie sorgt für wirksame Unfallverhütung und gewährt Versicherungsschutz bei Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten.
Eine Versicherung sorgt niemals für Verhütung. Ihr ureigentlicher Zweck ist die Begrenzung des Schadens, NACHDEM er eingetreten ist. Im Gegenteil erhöht sich sogar die Zahl der Vorfälle durch den Versicherungsschutz, weil er angesichts weniger gravierender Folgen häufig zu Sorglosigkeit führt. Ähnlich wie bei einem Raser, der sich verhält, als ob Gurt, Supergrip-Reifen, ABS, ESP, Airbag und andere Spielereien die Gesetze der Physik außer Kraft setzen könnten.
Im Übrigen besteht die Versicherungspflicht für den Unternehmer nicht Kraft Gesetzes, sondern das Gesetz überlässt die Entscheidung dafür der Satzung der Berufsgenossenschaft. Bitte, werte Damen und Herren, übernehmen Sie Verantwortung, wo Sie verantwortlich sind. Wenn Ihnen mein Geld zusteht, dann folgerichtig auch meine Verärgerung als einem, der nicht versichert sein möchte.
Die Berufsgenossenschaft ist nicht zu verwechseln mit den wirtschaftspolitischen Verbänden, die eine andere Zielsetzung haben.
Vielen Dank für die Aufklärung! Denn vom eigentlichen Genossenschaftsgedanken – der Selbsthilfe, der Selbstverwaltung, des gleichberechtigt organisierten Geschäftsbetriebs – ist in der gleichnamigen Umverteilungsmaschinerie wenig übrig geblieben.
Das Bundesministerium für Arbeit uns Soziales weiß noch zu ergänzen, dass durch das neue UV-Gesetz Bürokratie bei den Meldungen zur Sozialversicherung abgebaut werde.
Ich aber weiß, dass ich meine Beschäftigten separat bei der UV anmelden muss, dass ich für jeden einzelnen einen Gefahrenindex erstellen muss und dass ich bei meinen Änderungsmeldungen zur Sozialversicherung immer auch noch an die UV denken muss, statt alles über einen Ansprechpartner und in einem Aufwasch zu erledigen.
Verarschen kann ich mich selbst.
Beispiel 3
Demokratie und Diktatur
Solange Saddam Hussein als Gegenpol zu Ayatollah Khomeini gebraucht wurde, konnte man ihn Freiheitskämpfer aufbauen und er erhielt massive Unterstützung aus dem Westen. Als er sich weigerte, die Ressourcen seines Landes an kommerzielle Gesellschaften zu verkaufen, sollte er gestürzt werden. Doch das gelang nicht, und so unterstellte man ihm, Massenvernichtungswaffen hergestellt zu haben und den „Terrorismus“ zu unterstützen. Beides hat sich mittlerweile als Lüge herausgestellt. Aufgrund dieser Lüge war 2003 der Einmarsch in den Irak erfolgt. Nach sechseinhalb Jahren erfreut sich inzwischen der einmillionste Tote seiner wiedergewonnenen „Freiheit“. Die Zahl der Iraker und Afghanen, welche quasi als Antwort auf 3000 9/11-Opfer ihr Leben lassen mussten, ist im Gegensatz zu gefallenen Soldaten kein Thema in unseren Medien. Auf den Lippen tragen wir „Demokratie“. Wir verbreiten sie mit totalitären Mitteln.
Aber kehren wir doch erst vor unserer eigenen Tür.
Wieviele von uns können maximal direkt mitwirken? Zählt nach. Es sind auf Bundes- und Länderebene keine 3000 Personen, die direkte Stimm- oder Regierungsgewalt haben. Der Rest bleibt draußen und darf, wenn überhaupt, in einer der 12000 selbständigen Gemeinden in den Rat. Fast 80 Millionen Bürger müssen sich also zeitlebens regieren lassen, ob sie wollen oder nicht.
Nun gut, sie können ja wählen gehen.
Wie oft gehen wir im Laufe unseres Lebens wählen? 15 Mal wenns hochkommt?
Viva demos kratia – Es lebe die Herrschaft des Volkes. Es lebe die Mitbestimmung.
Besorgt zeigen sich unsere „freien“, im Besitz einer handvoll Konzerne befindlichen Medien unisono eher über mangelnde Mitbestimmung in China, das ganz gerne als „Diktatur“ bezeichnet wird, während Berlusconis Italien (Korruption, Unterlaufen der Gewaltenteilung und der Unabhängikeit der Medien) nach wie vor als „Demokratie“ gilt.
Wie gesagt, jeder darf denken und sagen, was er will. Das nennt man Meinungsfreiheit.
Aber wenn ich euch eine aufgeschlitzte Katze unter die Nase hielte und sagte: „Ist sie nicht süß?“, dann würdet ihr protestieren. Sie ist nicht süß, sie ist grausig zugerichtet. Meine Definition von süß wäre eine neue, unterschwellig eingeführte. Jedenfalls eine andere, als allgemein verstanden. Die Bedeutungsverdrehung wäre aus offensichtlichen Gründen als das begriffen worden, was sie wäre: eine Beschönigung der Tatsachen, eine Lüge.
Die Presse ist voll von solchen Behauptungen, die uns erzählen, dass Privatisierung für „Effizienz“ sorge. Dass Wettbewerb die Preise „senke“. Dass unsere Marktwirtschaft „sozial“ sei. Dass das Volk der „Souverän“ sei. Dass das Denken „frei“ und die Menschen „gleich“ seien.
Doublethink. New(s)speak.